Das vorliegende Buch versammelt Aufsätze, Vorträge und Notizen Vesters aus den vergangenen 25 Jahren. Der Versuch, vielfach Unzugängliches und Auseinanderliegendes zu einem einheitlichen Ganzen zusammenzufügen, gewissermaßen kybernetische regulierende Gesichtspunkte auf das eigene publizistische Schaffen zu übertragen, kann als gelungen bezeichnet werden. Einige Systembrüche im Textverlauf sind allerdings nicht zu übersehen. Von der Sache her sind diese stilistischen Unebenheiten jedoch vertretbar, da Vester wie nur wenige andere Wissenschaftler im deutschen Sprachraum komplexe Zusammenhänge allgemein verständlich darzustellen versteht.

Nachdem die Forderung nach ganzheitlichem, vernetztem oder wie auch immer apostrophiertem neuen Denken fast schon zur Plattitüde intellektueller Aufbruchsstimmung geworden ist - ohne daß man für gewöhnlich zu sagen weiß, was es mit dieser Vernetzung konkret auf sich hat und wie sie vor allem erlernt werden kann -, sind die Kapitel zur Lernbiologie und zum Verhältnis von Wissenschaft und Öffentlichkeit von zentraler Bedeutung. Der Autor kritisiert die "geistige Verengung" infolge der Loslösung des Intellekts vom Organismus. Eine Schule, in der Begriffe durch Begriffe erklärt werden, die Überprüfung des Gelernten an der Realität aber nicht mehr möglich ist, führt notwendigerweise zu den heutigen Krisensymptomen, die auch durch eine "freudlose Wissenschaft" nicht zu bewältigen sind. In der Schule zum Einzelkämpfer erzogen, ist der/die Forschende Opfer überholter institutioneller Schranken und Beschränkungen, die Zusammenhänge eher verschütten als offenlegen. Würden beispielsweise die militärischen Machtapparate die ihrem Selbstverständnis entsprechenden Aufgaben in positivem Sinn wahrnehmen und sich ernsthaft für den Schutz des Lebens einsetzen, so müßten - und könnten sie - ihr logistisch-technisches Potential in den Dienst des Umweltschutzes stellen.

An konkreten Beispielen aus den Bereichen Raumforschung, Verkehr, Wirtschaft, Medizin u.a. zeigt Vester, wie die Weichen für ein lebenserhaltendes und nicht zerstörerisches Denken und Handeln gestellt werden könne. Dem mit seiner Arbeit Vertrauten bietet das Buch eine prägnante Zusammenfassung; den Unkundigen wird dagegen das breite Spektrum des Behandelten überzeugen. Vester zeigt nicht nur, was getan werden müßte, sondern auch, unter welchen Voraussetzungen wir zu Baumeistern einer besseren Welt werden können.

Vester, Frederic: Leitmotiv vernetztes Denken. Für einen besseren Umgang mit der Welt. München: Heyne, 1988. 288 S. DM 32,- / sfr 27, 10 / öS 249,60