Ziel der Veranstaltung gleichen Titels war es, die neuen Technologien kritisch auf ihren tatsächlichen Nutzwert für die Gewinnung, Verarbeitung und Vermittlung von Informationen und Wissen im Kulturbereich zu hinterfragen. Welche Auswirkungen hat die multimediale Aufrüstung von Museen, Archiven und Bibliotheken für künftige Strategien einer sinnvollen Wissensvermittlung und –bildung?

Glaubt man den langläufigen Meinungen, dann scheint die Digitalisierung in den genannten Bereichen beinahe abgeschlossen und die „Gralshüter des kulturellen Erbes“ haben sich längst zu „Infobrokern“ gewandelt. „Doch die Quantität der bereitgestellten Fakten und die technologische Faszination des Machbaren, so scheint es (Harald Krämer in der Einleitung), überwiegt im Zugriff auf das gespeicherte Wissen.“ (S. 11)

Der Wissenstransfer steht denn auch im Mittelpunkt weiterführender Überlegungen, wenn sich etwa Kim H. Veltman (wissenschaftl. Direktor des Masstricht McLu-han Instituts) den Grundlagen des „knowledge transfers“ widmet und einen Überblick über die Fülle der vorhandenen technologischen und inhaltlichen Standards und die wichtigsten mit dem weltweiten Datenaustausch verbundenen Initiativen und Projekte gibt, oder der Kulturin-formatiker Martin Warnke vor der „Digitalen Diplom-Mühle“ warnt .

Der Medientheoretiker Michael Giesecke reflektiert in seinem Beitrag die Entwicklung der kulturellen Informationsverarbeitung. Voraussetzung für den Erfolg und die Entwicklung einer Informationsgesellschaft ist seiner Ansicht nach die Entmystifizierung der in Europa dominanten Buchkultur und ihrer Wertmaßstäbe. Dem demo-kratisierenden und kommunikativen Potential der Neuen Medien, ausgehend von der Multifunktionalität offener Systeme, widmet sich Beatrice von Bismarck (Kunsthis-torikerin in Lüneburg); Hans Petschar erörtert am Bei-spiel der „Österreichischen Nationalbibliothek“ die Bemühungen um die Digitalisierung von Bibliotheksbeständen. Seiner Einschätzung nach werden diese noch länger nicht realisiert werden, denn bis jetzt „wird die Mehrzahl der Informationen europäischer Bibliotheken und Archive keineswegs elektronisch angeboten“, und das, obwohl „die großen Nationalbibliotheken seit Jahr-zehnten sehr viel in die Schaffung von digitalen Grund-katalogisaten investiert haben“ (S. 123). Schließlich zeigt Mil Thierig (Mitbegründer des Tivola-Verlages) am Beispiel einiger Produkte seines Hauses, wie die Konzeption der Edutainment-Produkte Strategien des spielerischen Entdeckens und des multiperspektivischen Ansatzes berücksichtigt. Thematisiert wird auch das Zusammenwirken unterschiedlicher Medien der Vermittlung in der Ausstellung „Arktis-Antarktis“ und Möglichkeiten für die Bildungsarbeit des Museums am Beispiel des „Heinz Nixdorf MuseumsForums“.

In einem fiktiven Zwiegespräch mit Eckhard Siepmann entwickelt die Wahrsagerin Madame Sosostris „die Vision eines leichten Erdbebens in der Museumslandschaft“, einen neuen Museumstypus, dessen Kennzeichen Dematerialisierung, Multimedialität, Transdisziplinarität und Transformation sind. Insgesamt sollte die Lektüre dieses praxisorientierten Bandes den Mitarbeitern in Kultureinrichtungen bei der realistischen Einschätzung und sinnvollen Nutzung der Möglichkeiten digitaler Me-dien in ihrer Arbeit helfen. Auch die Expo 2000 in Hannover bot diesbezüglich einige bemerkenswerte Innovationen ebenso wie das „Haus der Geschichte“ (Weimar), in dem der Besucher verschiedene geschichtliche Epochen der Stadt virtuell „erleben“ kann. A. A.

Bei Amazon kaufenEuphorie digital? Aspekte der Wissensvermittlung in Kunst, Kultur und Technologie. Hrsg. v. Claudia Gemmeke ... Bielefeld: transcript-Verl., 2001. 257 S. (Publikationen der Abteilung Museumsberatung; 10) € 21,- / DM 42,- / sFr 39,- / öS 310,-