Neuausrichtung des technischen Fortschritts

Ausgabe: 1994 | 1

Editorial 1/1994

Robert Jungk hat entscheidend geholfen, mir die Augen für die Zukunft zu öffnen. Eigentlich nicht die Augen, sondern die Hände. Nicht Beschaulichkeit. sondern Anpacken heißt doch seine Devise. Oder doch die Augen? Denn wo soll man anpacken, wenn man nichts sieht? Also Augen und Hände. Lassen wir beide nicht ruhen. Über Orientierungslosigkeit klagt die Wirtschaft. Kein Wunder. Der technische Fortschritt, der so vielen Wirtschaftsführern als Richtschnur gedient hat. wird seinerseits nicht mehr als Fortschritt wahrgenommen. Technischer Fortschritt heute, das heißt doch: mehr Arbeitslosigkeit, mehr "globale Fabrik" (wo man nicht mehr weiß, wo das Fabriktor ist), mehr Naturausbeutung. Kein Wunder, dass sich die Wachsamen in unserer Kultur davon abwenden. Ist das Technikfeindlichkeit? Nein, es ist Wachsamkeit. Und doch brauchen wir die Technik. Ohne Technik würden Milliarden verhungern. Und die Technik kann mehr als Natur ausbeuten und Menschen überflüssig machen. Technik kann auch helfen, die Natur zu schonen und die knappen Güter wie Wasser, Boden, Energie besser zu nutzen. Eine Effizienzrevolution wäre möglich. Aus einem Kubikmeter Wasser, aus einer Kilowattstunde, aus einer Tonne Kupfer kann man gut und gerne doppelt so viel, viermal so viel, eines Tages zehnmal so viel Wohlstand herausholen wie heute. So wie wir es geschafft haben, die Arbeitsproduktivität um das Zwanzigfache zu steigern. Die Steigerung der Arbeitsproduktivität ist aber nicht etwa dadurch gelungen, dass damalige Verrichtungen auf zwanzigfache Geschwindigkeit getrimmt wurden. Das wäre nicht nur unrealistisch, sondern auch zutiefst inhuman gewesen. Vielmehr ging es um tiefgreifende Systemveränderungen. So ähnlich stelle ich mir auch die Effizienzrevolution, die dramatische Erhöhung der Energieproduktivität vor. Extrem energieintensive Verrichtungen werden zurückgedrängt oder ausgemustert und durch elegantere ersetzt. Die Herstellung von Erdbeerjoghurt durch Kreuz- und Querfahrten durch Mitteleuropa, wie sie Stefanie   Böge festgestellt hat, verbessern nicht die Joghurtqualität, aber vergrößern den Energieverbrauch. Hier gilt es gegenzusteuern. Von alleine wird die neue Effizienzrevolution nicht stattfinden. Sie muss rentabel werden. Naturverbrauch muss teuer werden. Es muss sich mehr lohnen, Strom, Wasser oder Kupfer arbeitslos zu machen als Menschen. Das beste Vehikel dafür ist eine ökologische Steuerreform, die den Faktor Arbeit von Abgaben entlastet und den Faktor Naturverbrauch schrittweise immer stärker belastet. Die Naturbesteuerung braucht überhaupt nicht schmerzhaft oder gar brutal zu sein. Sie muss aber stetig, in kleinen Schritten auf sehr hohe Werte ansteigen. Wenn zum Beispiel die Energie jährlich um 5% teurer wird und der technische Fortschritt die Energieeffizienz um 3% jährlich steigert, wird die Befriedigung des heutigen Energiebedarfs bloß 2% teurer, was absolut sozial- und wirtschaftsverträglich ist. Und dennoch ist nach einem halben Jahrhundert eine Vervierfachung der Energieproduktivität erreicht. In anderen Worten: Die Welt kann doppelt so viel Energiedienstleistungen zur Verteilung bringen (vor allem in Entwicklungsländern) und den-  noch die Hälfte aller Kraftwerke und ÖIquellen stilllegen. Die nächste Frage ist die der Durchsetzung. Ohne dass Millionen Menschen die Augen aufmachen und sich selbst und ihre Hände in Bewegung setzen, ist es nicht zu schaffen. Die Neuausrichtung des technischen Fortschritts und die Durchsetzung der ökologischen Steuerreform sollten zu Themen unter Ingenieuren, Lehrern, Managern, Parteien werden. Das ist doch das Geschenk der Demokratie, dass am Ende die Millionen, nicht die Millionäre, das Sagen haben, sobald nur die Millionen einen gemeinsamen Willen bekunden. Und dieser Wille sollte uns doch gemeinsam werden: dem technischen Fortschritt eine neue Richtung zu geben, welche auch den Kindern, den Enkeln und der Natur eine gute Zukunft schenkt.