Die Politik der Verortung

Ausgabe: 2002 | 4

Julia Lossau über Politik: Eine postkoloniale Reise zu einer anderen Geographie der WeltGlaubt man Autoren wie S. Huntington, F. Fukuyama oder B. Tibi, so sind die neuen Bruchlinien der Moderne kultureller Art. Diese Diagnose einer kulturellen Fragmentierung der Welt bleibt dennoch nicht unumstritten. Innerhalb der sozialwissenschaftlichen bzw. soziologischen Debatte wird unter dem Stichwort Globalisierung weniger der „Kampf der Kulturen“ als vielmehr der „Ausgleich zwischen den Kulturen“ antizipiert. Die Geographin Julia Lossau fasst beide Szenarien als komplementäre Strategien auf und versucht zu klären, ob die Existenz unterschiedlicher politisch-kultureller Räume oder Regionen tatsächlich Stifterin einer Wahrheit sein könnte. Dem konflikthaften Welt-Bild eines S. Huntington versucht die Autorin ein besseres Bild der Welt – allerdings nicht ein auf „kulturellen Ausgleich“ fokusiertes – entgegenzusetzen.

Das vorliegende Buch kann als imaginative Reise gelesen werden, „in dessen Mittelpunkt die partikularen Interessen des ‚Eigenen’ stehen, über das universelle Welt-Bild, wie es von den ApologetInnen des kulturellen Ausgleichs gezeichnet wird, hin zu einer ANDEREN Geographie der Welt, die letztlich ohne Mittelpunkt auskommt“ (S. 19). Vorausssetzung für die Neubewertung des herkömmlichen Geopolitikbegriffs ist ein völlig neues Denken vor dem Hintergrund der irreduziblen Vielfalt.

Am Beispiel der deutschen Türkei-Politik seit 1989 zeigt die Autorin die Notwendigkeit des Anderen Blicks, wenn der Westen Defizite in den Bereichen Demokratie und Menschenrechte als Argumente gegen eine Europaintegration der Türkei anführt. Lossau ortet aber auch die Gleichzeitigkeit verschiedener und widersprüchlich erscheinender Strategien seitens der deutschen Außenpolitik. Dabei gilt es viel Unentscheidbares und Widersprüchliches zwischen dem „Eigenen“ und dem „Anderen“ auszuhalten.

Der Vorschlag einer neuen Geopolitik (Elmar Altvater in PZ 5/2002*xy spricht von Geoökonomie der Zukunft) „bezeichnet eine (je andere) diskursive Praxis, vermittels derer die vermeintlich natürliche Ordnung der internationalen Politik erst produziert wird – und folglich dekonstruiert werden kann“ (S. 149). Ziel ist nicht mehr Eigentlichkeit und Einheitlichkeit, sondern das Denken in Differenzen. Eine so verstandene politische Geographie wendet sich gleichermaßen gegen das Bild des grenzenlosen Ausgleichs, das im Zusammenhang mit der Globalisierungsdebatte produziert wird, wie auch gegen das Bild vom „Kampf der Kulturen“. Mit Blick auf das meist negativ konnotierte Phänomen des Nationalismus hält die Autorin fest, dass dieses als eine besondere Form der kulturellen Identifikation nicht so trennscharf vom meist positiv kon-notierten Phänomen des Nationalbewusstseins abzugren-zen ist, „wie dies insbesondere in den tagespolitischen Diskussionen rund um die ‚Fremden’- bzw. ‚Ausländer’-Feindlichkeit immer wieder getan wird“ (S. 195).

Der von Lossau entwickelte „andere“ Kulturbegriff ent-zieht sich durch die Betonung der „Realität des Diskursiven“ jeder Festlegung auf einen Gegenstand. Es gelte, den geographischen Blick zu verunsichern und, so ihr Fazit, die wirkliche Arbeit des „Lokal denken, global handeln“ auch im Sinne der permanenten Verunsicherung des „eigenen“ Blicks anzugehen. A. A.

Bei Amazon kaufenLossau, Julia: Die Politik der Verortung. Eine postkoloniale Reise zu einer Anderen Geographie der Welt. Bielefeld: Transcript, 2002. 227 S., € 25,80; ISBN 3-933127-83-1