Leitmotiv der Gegenwart scheint der Spruch Helmut Qualtingers zu sein: "Ich weiß zwar nicht, wo ich hinwill, dafür bin ich aber schneller dort." Im Geschwindigkeitsrausch der Moderne wird oft vergessen, dass Schnelligkeit auch Beharrlichkeit und Langsamkeit braucht. Welche Bedeutung die Langsamkeit in einer Zeit der steten Beschleunigung hat, diskutieren Autoren aus verschiedenen Perspektiven.

Im ersten Beitrag behandelt Holger Bonus, Professor für Volkswirtschaftslehre, "Die Langsamkeit von Spielregeln" beispielsweise in Institutionen, die durch ihr verlässliches Stehenbleiben die Ungewissheit der Welt begrenzen. Für wirtschaftlichen Erfolg ist seiner Ansicht nach die glaubhafte, verbindliche Festlegung der Wirtschaftspartner auf bestimmte Verhaltensweisen in einem hinreichend langsamen Prozess des Wandels notwendig. Um die Bedeutung des Faktors Zeit für das Wirtschaftsleben geht es auch im Aufsatz von Klaus Backhaus und Kai Gruner vom „Betriebswirtschaftlichen Institut für Anlagen- und Systemtechnologie" an der Universität Münster. Eindrucksvoll zeigen sie Grenzen und Gefahren von Beschleunigungswettläufen auf; am Beispiel der PC-Anwendung machen sie deutlich, dass hier Erfahrung und Vertrautheit mit dem Bisherigen wertvoller sind als die immer neuesten Versionen. Die Frage scheint berechtigt, ob sich durch das Beschleunigungsfieber nicht ganze Branchen aus der wirtschaftlichen Überlebensfähigkeit herauskatapultieren.

Der Gesundheitswissenschaftler Georges Fülgraff bringt es auf den Punkt, wenn er ein Paradox der Beschleunigung beschreibt: "Die Verarbeitungsgeschwindigkeit der Geräte wird immer größer und mit ihr die Möglichkeit der Anwendung. Aber gerade die durch die Geschwindigkeit ermöglichte Komplexität verhindert, dass die Menschen mit Hilfe der Maschinen ihre Arbeit effizienter, und das heißt auch schneller, verrichten können." Er fordert deshalb die Entschleunigung des Wirtschaftssystems, denn die langsame Natur klagt ihr Recht ein. Einen Ausweg aus der Geschwindigkeitkeitsfalle sucht Walter R. Stahel mit einem Konzept einer nachhaltigen Wirtschaft, in der mit einem gegebenen Maß an Rohstoffen und Energie ein möglichst hoher Nutzen über einen möglichst langen Zeitraum erzielt wird. Weitere interessante Beiträge über "sustainable fashion ", die" Langsamkeit der Ewigkeit" im Museum und philosophische Betrachtungen über die "Gegenwartsschrumpfung" seien der Vollständigkeit halber erwähnt.

A.A.

Die Beschleunigungsfalle oder Der Triumph der Schildkröte. Hrsg. v. Klaus Backhaus ... Stuttgart: Schäffer-Poeschel, 1994. 193 S., DM 39,80 / sFr 36,60 / öS 311