„Sapere aude“ („Wage zu denken“) - dieser Leitsatz der Aufklärung hat an Aktualität nichts verloren. Neue Erkenntnisse der Wissenschaften legen es nahe, scheinbar unumstößliche Prinzipien unseres Denkens - und damit zugleich unserer Sicht der Welt - vorbehaltlos zu prüfen und zu ergänzen. Walter Spielmann hat sich diesbezüglich umgesehen und stellt Überlegungen vor, die über wissenschaftliche Routinen weit hinausgehen. Rupert Sheldrakes Fundamentalkritik des Materialismus, die Aufforderung, die Rolle der Universität im 21. Jahrhundert grundsätzlich neu zu denken, erste Befunde einer „Transformationswissenschaft“, in der vor allem Aspekte eines nachhaltigen Wandels neu beleuchtet werden, weisen darauf hin, dass zunehmend alternative Wege der Analyse und Problemlösung gesucht werden, um den Herausforderungen unserer Zeit besser begegnen zu können.

 

Wider die Dogmen des

Materialismus

Mit seinem 1981 veröffentlichten Buch „A New Science of Life“ (Das schöpferische Universum) sorgte der britische Biochemiker Rupert Sheldrake für erhebliches Aufsehen in der wissenschaftlichen Communitiy. Mit der gut begründeten und umfassend abgesicherten These, wonach selbstorganisierende Systeme (Pflanzen, Vogelschwärme, Gesellschaften etc.) auf ein kollektives Gedächtnis („morphische Resonanz“) zurückgreifen und sich so, auf die Erfahrungen vorangehender Generationen bauend, weiterentwickeln würden, stieß er auch auf breites öffentliches Interesse.

Eine ähnlich starke Wirkung ist dem nun vorliegenden neuen Buch Sheldrakes bisher nicht zuteil geworden; sie wäre aber zumindest ebenso zu wünschen, denn nun rüttelt der Autor gehörig an den Grundfesten des im 17. Jahrhundert begründeten „naturwissenschaftlichen Glaubensbekennt-nisses“ insgesamt und plädiert für Naturwissenschaften, die „weniger dogmatisch und dafür wissenschaftlicher agieren, indem sie sich von ihren einengenden Dogmen freimachen“ (S. 16).

 

Dogmen des Materialismus

Die globalisierte Ideologie des Materialismus werde –  so Sheldrake scharf formulierend –  von einer „wissenschaftlichen Priesterschaft“ vertreten, der es gut täte, „im Lichte harter Beweise und neuer Entdeckungen“ – diese sind Gegenstand der gleichermaßen sachlich und leidenschaftlich vorgebrachten Argumente Sheldrakes – „bestehende Glaubenssätze zu hinterfragen“. Sheldrake lädt nicht nur durch eine Vielzahl von Befunden und Erkenntnissen dazu ein, sondern stellt am Ende jedes seiner Argumente für eine neue Sicht der (Natur)Wissenschaften „Fragen an Materialisten“, die geradezu zwingend nahelegen, sich seinen Argumenten gegenüber zugänglich zu zeigen.

Die globalisierte Ideologie des Materialismus werde - so Sheldrake scharf formulierend - von einer „wissenschaftlichen Priesterschaft“ vertreten, der es gut täte, „im Lichte harter Beweise und neuer Entdeckungen“ - diese sind Gegenstand der gleichermaßen sachlich und leidenschaftlich vorgebrachten Argumente Sheldrakes - „bestehende Glaubenssätze zu hinterfragen“. Sheldrake lädt nicht nur durch eine Vielzahl von Befunden und Erkenntnissen dazu ein, sondern stellt am Ende jedes seiner Argumente für eine neue Sicht der (Natur)Wissenschaften „Fragen an Materialisten“, die geradezu zwingend nahelegen, sich seinen Argumenten gegenüber zugänglich zu zeigen.

Im Folgenden zentrale Aussagen zu den vom Autor kritisierten 10 Dogmen des Materialismus:

1.) Die Natur ist nicht mechanisch, sondern ein lebendiger, kreativer, in vielfältigen Hierarchien und Formen sich stetig entwickelnder Organismus. Würden wir erkennen und anerkennen, dass nicht nur die Erde, sondern das gesamte Universum lebendig ist, so würde dies zwar nicht unmittelbar zu neuen, wirtschaftlich nutzbaren Technologien führen, aber es könnte sehr wichtig sein, um beispielsweise die Kluft zwischen den „modernen“ Naturwissenschaften und indigenen Sichtweisen zu schließen.

2.) Die Gesamtmenge der Materie und Energie ist nicht konstant. Da wir nur „4% des gesamten Universums einigermaßen kennen“ (S. 97) und dieses „überwiegend aus hypothetischer dunkler Materie und Energie besteht, die noch zunehmen könnte, (…) scheint es sich bei den Erhaltungssätzen der Materie und Energie weniger um Prinzipien von kosmischer Gültigkeit, als vielmehr um so etwas wie Bilanzierungsregeln zu handeln (…)“ (S. 101). „Freie Energie“, die unbegrenzt verfügbar wäre, rückt damit ebenso in den Bereich des Möglichen wie Energieerhaltung in lebenden Systemen (Stichwort: Lichtnahrung).

3.) Naturgesetze stehen nicht ein für alle Mal fest. Selbst Newtons „Gravitationskonstante“ G und die Lichtgeschwindigkeit unterliegen Veränderungen. Anstatt von „Gesetzen“ sollte besser von „Gewohnheiten“ der Natur gesprochen werden. „Das Schöpferische ist real. (…) Alles, was sich neu ereignet, muss möglich gewesen sein, denn offensichtlich kann nur Mögliches tatsächlich eintreten.“ (S. 145)

4.) Materie ist nicht geistlos, sondern bewusst, und die Beziehung zwischen Körper und Geist „eher zeitlicher als räumlicher Natur“. Auf Überlegungen von A. N. Whitehead aufbauend, ist vorstellbar, dass „der Geist eine Wahl zwischen möglichen Varianten der Zukunft trifft, und geistige Kausalität in die Gegenrichtung der physikalischen Kausalität läuft: nicht von der Vergangenheit zur Zukunft, sondern von der Zukunft in die Vergangenheit“ (S. 174).

5.) Die Entwicklung der Natur ist von Zwecken und Zielen bestimmt. Der Prozess der Evolution ist auf Kreativität hin angelegt und nicht bloß auf die Abwicklung eines vorgegebenen Plans. „Aus spiritueller Sicht könnten höhere und umfassendere Bewusstseinszustände der Zukunft als Attraktoren wirken, die uns als Einzelne und als Gemeinschaft zur Erfahrung einer höheren Einheit hinziehen.“ (S. 207)

6.) Vererbung ist nicht alleine materieller Natur und in den Genen festgelegt. Die Vererbung von Formen, Verhaltensweisen wie auch von Kulturen ist in der morphischen Resonanz präsent.

7.) Erinnerung ist nicht materiell verortet (im Gehirn), sondern ein aktiver Prozess, der wesentlich auch mit Resonanz zu tun hat. „Individuelles und kollektives Gedächtnis sind zwei Ausprägungen desselben Phänomens, nur graduell und nicht grundsätzlich verschieden.“ (S. 278)

8.) Geist ist nicht nur als Leistung des Gehirns zu verstehen, sondern bei jeder unserer Wahrnehmungen im Raum ausgedehnt. Mit der Vergangenheit sind wir durch Erinnerungen und Gewohnheiten verbunden, mit der Zukunft durch Wünsche, Pläne und Absichten. Die Tatsache, dass wir nachweislich „Blicke spüren“, kann als Bestätigung für diese These dienen.

9.) Unerklärliche Phänomene wie Telepathie, die Vorahnung von Katastrophen durch Tier und Mensch und andere parapsychologische Ereignisse sind keine Einbildung. Sie sollten nicht tabuisiert, sondern öffentlich gelehrt und erforscht werden. Dies würde dazu beitragen, „dass wir Geist und soziale Bindungen, Zeit und Kausalität besser und umfassender verstehen“ (S. 337).

10.) Alternative und komplementäre Formen der Heilkunde (TCM, Homöopathie, Akupunktur, Hypnose u. a. m.) sollten neben der mechanistischen Medizin gleichrangig behandelt und wissenschaftlich untersucht werden. "Würde man das vom Staat gedeckte Monopol des Materialismus lockern, könnte sich die naturwissenschaftliche und medizinische Forschung z. B. auch der Frage widmen, welche Rolle Überzeugung, Glaube, Hoffnungen, Ängste und gesellschaftliche Faktoren für Gesundheit und Heilung spielen.“ (S. 378)

 

Trugbild Objektivität

In einem weiteren, dem 11. Kapitel, setzt sich Sheldrake pointiert kritisch mit der Illusion naturwissenschaftlicher Objektivität auseinander. Sie sei ein „Trugbild, das der Täuschung und Selbsttäuschung Tür und Tor öffnet. Es untergräbt das hohe Ideal der Wahrheitssuche“ (S. 382). Nur auf den ersten Blick scheint diese Aussage widersprüchlich und unhaltbar zu sein, denn Sheldrake beschreibt eine Reihe von naturwissenschaftlichen Praktiken, die seine Behauptung stützen: dazu zählen der Gebrauch des Passivs, die Tatsache, dass Erwartungen die „Ergebnisse färben“, „Blindverfahren“ in den meisten Disziplinen nur selten durchgeführt und Forschungsergebnisse in der Regel selektiv publiziert werden. Nicht zuletzt sind Schwindel und Täuschung auch wissenschaftsimmanent zu finden, denn „Kontrollbehörden haben ein erhebliches Interesse daran, nicht nur ihre eigene Reputation, sondern auch die der Wissenschaft insgesamt zu wahren, (…) ist der Glaube an den Glauben von großer Bedeutung für die Erhaltung gesellschaftlicher Institutionen“ (S. 406).

 

Zukunft der Wissenschaften

Wie die Zukunft der Wissenschaft aussehen könnte – und nach Ansicht des Autors auch sollte –, das skizziert Rupert Sheldrake im abschließenden 12. Kapitel.

Würden sich die Naturwissenschaften einer umfassenderen „Sicht der Dinge“ öffnen und sich von der Fessel des Materialismus befreien, „entstünde nicht nur Raum für neue Dialoge und Debatten, sondern auch für neue Forschungsansätze“. Eine Vielfalt sich wechselseitig befruchtender Wissenschaften wäre die Folge, wenn der „monopolistische Anspruch auf Universalität und absolute Autorität, den einst die katholische Kirche erhob, aufgegeben würde“ (S. 428). Es wäre wichtig, „die kontroversielle wissenschaftliche Diskussion im öffentlichen Raum, in den Universitäten und bei Kongressen zur Normalität zu machen“ (S. 431); neue Wege der Finanzierung sollten erprobt und vor allem öffentliches Engagement, etwa in Form von „Beteiligungsmodellen“, gefördert werden. Sheldrake plädiert dafür, 1% des jährlichen nationalen wissenschaftlichen Forschungsetats – in Großbritannien wären das 46 Millionen Pfund – „für Forschungen zu reservieren, an denen Menschen außerhalb des Wissenschafts- und Medizinbetriebs wirklich interessiert sind“ (S. 435). Vorschläge für die Nutzung der verfügbaren Mittel könnten an unabhängige „Zentren für offene Forschung“ gerichtet und dort von einem breit besetzten Gremium beraten und entschieden werden. Die abschließenden Sätze, Hoffnung und Programm zugleich, im Wortlaut: „Mit der Einsicht, dass die Wissenschaften eben nicht alle wesentlichen Antworten bereithalten, wird Bescheidenheit einkehren und die alte Arroganz ablösen, wird Aufgeschlossenheit an die Stelle des Dogmatismus treten. Viel bleibt zu entdecken und wieder zu entdecken, auch Weisheit.“ (S. 447f.) W. Sp.

 Sheldrake, Rupert: Der Wissenschaftswahn. Warum der Materialismus ausgedient hat. München: O. W. Bart, 2012. 491 S. € 24,99 [D], 25,70 [A], sFr 37,50

ISBN 978-3-426-29210-5