Im Juli 1994 startet ein einzigartiger Versuch einer internationalen Intervention auf der Ebene ziviler Konfliktbearbeitung: Mostar, 1993 heftig umkämpfte und in der Folge geteilte Hauptstadt der Herzegowina, wird für zwei Jahre unter Verwaltung der Europäischen Union gestellt. Der sozialdemokratische Bundestagsabgeordnete und frühere Bürgermeister von Bremen, Hans Koschnick, wird mit der Leitung dieser Mission beauftragt. Dabei sind kommunalpolitische Erfahrung, Vermittlungs- und Organisationsfähigkeit vonnöten. Die kann Hans Koschnick vorweisen. Der Journalist und Koautor Jens Schneider verweist in seinen detaillierten Alltagsgeschichten aus Mostar wiederholt auf Koschnicks kommunikative Fähigkeiten im Umgang mit Menschen, insbesondere seine "Handschlagqualitäten" , hin. Tatkraft, Energie, Effizienz sind deren Hauptmerkmale. "Redet nicht. Tut was! So lautet seine Devise." Koschnick selbst konzentriert sich in seinen Beiträgen, die eher einem Tagebuch als einem Bericht ähneln, auf eine betont subjektive Darstellung. Dabei spielt seine Herkunft eine wichtige Rolle: Ausführlich beschreibt er, daß auf seinem Schreibtisch im Hotel ERO ein Photoband "Bremen kaputt" liegt, mit Bildern aus seiner Heimatstadt in den Jahren direkt nach dem Krieg. Den zeigt er den Leuten aus Mostar, "um ihnen deutlich zu machen, daß ich nicht wie ein Blinder von der Farbe spreche. Ich erzähle ihnen, daß ich damals in den Jahren des Aufbaus mitangepackt habe." Persönliche Begegnungen in einer Stadt, in der "jede Familie ihre eigene Wahrheit hat - manche sogar zwei -", bestimmen den Charakter des Buches. Das "europäische Projekt Mostar" ist nicht nur ein Testfall für die kroatisch-muslimische Föderation, es steht auch für die Chancen, durch die Mittel der Diplomatie, der Ökonomie und der humanitären Hilfe in kriegerische Konflikte friedensschaffend einzugreifen. Die Bilanz dieser Herausforderung wird weitgehend vernachlässigt. Im August 1996 sollten die Mission beendet, freie Wahlen vorbereitet. den Flüchtlingen die Rückkehr ermöglicht und die öffentliche Ordnung wiederhergestellt werden. Das neue Aufbrechen der Kämpfe nach dem Abkommen von Dayton läßt eine Verwirklichung dieser Aufgaben nicht näher rücken. Ein Abschlußbericht im Herbst 1996 wird sich dieser Situation stellen müssen. HP. G.

 

Koschnick, Hans; Schneider, Jens: Die Brücke über die Neretva. Der Wiederaufbau von Mostar. München: Dt. TB-Verl., 1995. 240 S.,