Je näher das Jahr 2000 rückt, desto häufiger finden sich in den Medien Alarmmeldungen über das ,;Y2K"-Problem. Zahlreiche Computerprogramme, die noch aus den "alten" Zeiten stammen, als Speicherplatz rar und teuer war, sahen nämlich für Jahresangaben nur zwei Stellen vor; diese Programme werden daher das Jahr 2000 als „1900" lesen und dadurch Probleme in den verschiedensten Bereichen verursachen. Unsere Schwesterzeitschrift in den USA, "Future Survey", widmet diesem Problem in zwei Ausgaben des heurigen Jahres (Februar und August) breiten Raum. Wir fassen die wichtigsten Punkte zusammen.

Als umfassendstes Buch zum Thema bezeichnet Michael Marien, der Herausgeber des "Future Survey": Time Bomb 2000: What the Year 2000 Computer Crisis Means to You! Von Edward und Jennifer Yourdon; er empfiehlt dringend seine rasche Lektüre. Die Autoren unterscheiden einleitend zwischen vier absehbaren Wirkungsspannen des Y2K-Problems: die meisten Probleme werden 2-3 Tage dauern; ein erheblicher Anteil (wie die Nahrungsversorgung) etwa einen Monat; ein kleinerer Anteil bis zu einem Jahr (Jobverlust, Unregelmäßigkeiten im Bank- und Sozialversicherungswesen); und einige wenige Katastrophen könnten bis zu einem Jahrzehnt anhalten (wenn es etwa zu einem völligen Kollaps des Finanzwesens kommen sollte).

In einem Dutzend Kapitel werden anschließend die 'verschiedenen Sektoren und mögliche Vorsorgemaßnahmen analysiert.

  1. Arbeitsmarkt: Büros und Fabriken könnten bis zu einen Monat lang schließen, der Einzelne sollte sich daher auf einen einmonatigen Gehaltsentfall einstellen.
  2. die Energieversorgung könnte Wochen oder Monate ausfallen, man sollte daher Kerzen, Batterien und Brennstoffe einlagern.
  3. Verkehrswesen: kein Hersteller von Fahrzeugen (Autos, Busse, Züge, Flugzeuge) war Mitte 1997 in der Lage, ein komplikationsfreies Funktionieren seiner Produkte zu Anfang 2000 zu garantieren; allein das heutige Durchschnittsauto hat etwa 50 Mikroprozessoren an Bord, und einige davon streiken vielleicht, was u. U. die Konstruktion und Produktion neuer Vergaser- oder Bremssysteme erforderlich macht. Man sollte jedenfalls für Jänner 2000 keine größere private oder berufliche Fahrt vorsehen.
  4. Finanzwesen: Bankkonten, Kreditkarten, Anleihen und Aktien sind dem Y2K-Problem sehr ausgesetzt, was eventuell durch Spekulation, Manipulation und Korruption noch verschärft werden könnte. Man sollte daher den Geldbedarf etwa eines Monats in bar zur Verfügung halten.
  5. Ernährung; eine Unterbrechung der Nahrungsversorgung bis zu einem Monat erscheint nicht ausgeschlossen, insbesondere Städter sollten sich daher haltbare Vorräte anlegen; Versorgungsprobleme könnten bis zu 5 Jahren in unregelmäßigen Abständen wiederkehren.
  6. Heimcomputer. hier sollte es mit neueren Computern, auf denen nur einfachere Aufgaben bearbeitet werden, wenig Probleme geben, aber die Situation ist selbst hier nicht so einfach, da Softwareprogramme oft ältere Elemente enthalten.
  7. Informationswesen: da nicht alle Informationsquellen zu gleicher Zeit ausfallen dürften, ist die Gefahr, daß während einer längeren Zeit keinerlei Nachrichten erhältlich sind, eher gering.
  8. Gesundheitswesen: Jeder sollte einen Vorrat dringend benötigter Medikamente anlegen und Operationen wenigstens um einen Monat aufschieben; auch das Sozialversicherungswesen ist sehr gefährdet.
  9. Staatliche Verwaltung: vor dem 1. 1.2000 ist eine steigende Anzahl von Appellen, Vorschriften, Komitees und Arbeitsgruppen zu erwarten; nach Jahresanfang 2000 wird es viele Debatten und Schuldzuweisungen geben, ferner öffentliche Aufrufe zu Optimismus und Besonnenheit, hektische Problemlösungsversuche, Notfallsgesetzgebung (wie z. B. Rationierungen, Beschränkung von Geldabhebungen, Preisbindungen bis zum Kriegsrecht).
  10. Eingebaute Systeme: Ende 1999 werden auf der Welt etwa 25 Milliarden Mikroprozessoren in Verwendung stehen; nur ein kleiner Teil davon wird sich beim und nach dem Jahreswechsel kritisch verhalten - aber es gibt trotzdem bei weitem nicht genug Techniker, um sie zu reparieren oder zu ersetzen; meist wird dies viel länger als 2-3 Tage dauern.
  11. Bildungswesen. Die ärgsten Y2K-Szenarien rechnen damit, daß die Schulen wenigstens ein Monat zusperren müssen; Eltern sollten daher für eventuell nötige Aufsicht vorsorgen. Wenn die Gehaltscomputer zusammenbrechen oder die Banken andere ernstere Probleme haben, müssen die Bildungsanstalten vielleicht für ein ganzes Semester schließen.
  12. Post und Telekommunikation: einige Telefongesellschaften müssen ihre Dienste vielleicht für einige Tage, vielleicht einen Monat einstellen; Sendungen können falsch zugestellt werden, vielleicht verlorengehen. Kleinere Firmen, die auf telefonische Aufträge und postalische Überweisungen angewiesen sind, sind im Fall geringer Liquiditätsreserven vom Bankrott bedroht; interne Telefonanlagen von Firmen und die Systeme von Entwicklungsländern sind besonders gefährdet und müssen bis zu einem Jahr lang mit Schwierigkeiten rechnen.

Zahlreiche andere Autoren widmen sich dem wirtschaftlichen Aspekt des Y2K-Problems. Business Week prognostiziert etwa (Mandel, Michael J.: ZAPf How the Year 2000 Bug Will Hurt the Economy. In: Business Week 2. März 1998, S. 93-98), daß in den USA 85 %, in Europa 65 % aller Softwareprogramme saniert oder ersetzt werden müssen. Die Kostenschätzungen dafür schwanken zwischen 50 Milliarden und 3,6 Billionen U$ (The Millenium Bug: Please Panic Early. In: The Economist, 4. Okt. 1997, S. 25-29). Eine Untersuchung der Gartner Group (Year2000- WorldStatus. Research Note Y2KS: M-100-037, hrsg. v. L. Marcoccio, Stamford/CT, November 1997) zeigt, daß sowohl Regierungen als Unternehmen noch ziemlich schlecht auf die Problematik vorbereitet sind. Angesichts dieser Situation stellt Publishers Weekly eine ganze Reihe von Selbsthilfe-Publikationen vor (The Year 2000: The Computer Time Bomb ls Ticking Away. In: Publishers Weekly, 22. Dez. 1997, S. 24 f.).

Der kanadische Consultant Peter de Jager unterhält ein „Year 2000 Information Center" mit einer eigenen Website: www.year 2000.com, andere einschlägige Informationen im Internet stellen die Technology Association of America unter www.itaa.org/year2000.htm und The National Institute of Standards and Technology unter www.nist.goc/y2~ zur Verfügung. Die World Future Society selbst hält am 16./17. Dez. 1998 in Washington eine Werkstatt zum Thema ab und wird darüber in ihrer Zeitschrift und im Internet unter www.wfs.org/wfs.y2k.htm berichten.

W Riemer

Quelle: future survey, Vol. 20 (1998), Nr. 8. Mit freundlicher Genehmigung der World Future Society (WFS), 7910 Woodment Avenue, Suite 450, Bethesda, MD 20814, Tel. 301/656/8274. Computer: 2000 Y2K-Problem

Yourdon, Edward und Yourdon, Jennifer: Time Bomb 2000: What the Year 2000 Computer Crisis Means to You! Upper Saddle River, N. J.: Prentice Hall 1998. 416 S., U$ 19,95