In einer durch und durch kommerzialisierten Gesellschaft steht das Einkaufen rund um die Uhr und die Verfügbarkeit von Gütern , die wir im Grunde oft nicht benötigen, an der Spitze (angeblicher) Freiheiten. Das, was wir (und unseren Nachfahren aber wirklich brauchen – gute Luft, frisches Wasser und manches mehr ‑ gerät dabei zunehmend aus dem Blick.

Erhard Eppler, seit Jahren einer der profiliertesten politischen Vordenker in Deutschland, zählen ein sicheres Zuhause, Bildung, Anerkennung, Feiern und Spiel ebenso zu den Grundbedürfnisses des Menschen wie ein Bedürfnis nach Zukunft, Geschichte, (persönlich verfügbarer) Zeit und Kunst. Nicht zuletzt werden auch Individualität und Partizipation (beim Kegelklub oder einer Bürgerinitiative) als elementare Bedürfnisse erachtet. Dass freilich dieser Katalog des allen gleichermaßen Wichtigen im Wechsel der Zeiten und Kulturen jeweils anders definiert wird und daher auch nicht verbindlich festgelegt werden kann, zeigt Eppler u. a. am Bedeutungswandel von „Arbeit“, die in der Antike einem Heer von Sklaven ‚vorbehalten‘ (und demnach kein Grundbedürfnis) war.

„Gibt es“, fragt Eppler, „ein Menschenrecht, seine Grundbedürfnisse zu befriedigen?“, und kommt zu dem Ergebnis, dass „die beiden nicht in einander aufgehen“.

Erforderlich indes sei eine „Politik für die Grundbedürfnisse“. Ihre Aufgabe ist es, rechtliche, soziale, ökonomische Rahmen zu zimmern. Da der Markt der Deckung und Sicherstellung der Grundbedürfnisse Generationen nachweislich  zu wider läuft, plädiert der Autor dafür, verstärkt darüber zu diskutieren, was wir dringend, was wir weniger dringend brachen und worauf wir notfalls verzichten können“ (S. 102). Unverzichtbar, ja, mehr noch eine unerschöpfliche Energie für die Gestaltung einer lebenswerten Zukunft ist die im Wechsel von Streit und Konsens praktizierte Teilhabe an der Zivilgesellschaft, die sich vor allem in (auch finanziell) möglichst eigenständigen Kommunen und Gemeinschaften entwickeln kann.

Was „gelingendes Leben“ und die Wahrung von Grundbedürfnissen im Konkreten bedeutet, zeigen die folgenden vier Beiträge: Für die Palästinenserin Suamaya Fahrat-Nasher, seit 1997 Leiterin des „Jerusalem Center for Women“, bedeutet es vor allem die Achtung der Traditionen ihres Volkes und die trotzt aller Rückschläge unabdingbare Fortsetzung des Friedensprozesses mit Israel. Für Abel Bosum, Häuptling des im Norden von Quebec lebenden Stammes der Oujé-Bougoumou, ist es die Sicherstellung indianischer Autonomie und traditioneller Lebensweise, die er in langjähriger Auseinandersetzung mit den Zentralbehörden durchzusetzen vermochte. „Reichtum“, so der Cree-Indianer, „besteht darin, etwas zu haben, was dem Leben einen Sinn und ein Ziel gibt“ (S. 155), eine Einsicht, die ähnlich auch von dem aus China stammenden Philosophen und Tao-Meister Chungliang Al Huang vermittelt wird, der neun universal gültige Grundsätze des Zusammenlebens (etwa die Fähigkeit zu Liebe, Sorge und Vertrauen) darlegt und einige Beispiele dieser Philosophie anhand chinesischer Schriftzeichen ausführt.

Gunter Pauli, Gründer und Direktor der ZERI Foundation, schließlich fordert mit dem Verweis auf die uneigennützige und vorausschauende Leistung der vieler mittelalterlicher Städte dazu auf, „Kathedralen für das 3. Jahrtausend zu bauen“. Eine den Gesetzen der offenen Systemplanung gerecht werdende Ökonomie, die die Produktivität der Rohstoffe ebenso energisch verfolgt wie jene von Kapital und Arbeit könnte, so Pauli, einer Nullemmissionswirtschaft den Weg bereiten und damit auch das Problem der Arbeitslosigkeit weltweit überwinden. In der Tat tragfähige Perspektiven für gelingendes Leben. W. Sp.

 

Eppler, Erhard: Was braucht der Mensch? Vision: Politik der Grundbedürfnisse. Frankfurt/M.: Campus, 2000. 205 S., DM 36,- / sFr 35,- / öS 263,-