Besuch im Palast der Erinnerungen

Ausgabe: 2016 | 1

Er habe, so Henning Mankell, im titelgebenden Abschnitt „eine Art öder Landschaft, (…), Panik [empmankellfunden], von der dich niemand befreien kann“, als er kurz nach Neujahr 2014 seine Krebsdiagnose erhielt. „Da war es, als schrumpfte Leben“ (S. 27), erinnert sich Mankell. Es ist in Anbetracht dieser existenziellen Krisensituation verblüffend, mit welcher Präzision und – ja, man kann es kaum anders sagen – Weisheit es dem Autor, Theaterleiter und Regisseur während seines letztlich vergeblichen Ringens im Kampf gegen todbringende Erkrankung in knapp mehr als einem Jahr gelingt, sein Leben Revue passieren zu lassen. Dass er dieses Buch, mit dem er den staunenden Leser gewissermaßen an der Hand nimmt, um mit ihm durch den „Palast seiner Erinnerungen zu streifen“ (vgl. S. 72), vollenden konnte, ist mit Staunen und Dankbarkeit zur Kenntnis zu nehmen. Es sind die großen und kleinen Erfahrungen eines reichen, erfüllten Lebens, die hier ausgebreitet und verhandelt werden. Nicht selten sind es scheinbar belanglose Begegnungen, die Anlass geben, über „Gott (an den der bekennende Atheist Mankell freilich nicht glauben mochte) „und die Welt“ tiefgründig und doch immer nachvollziehbar zu reflektieren; oder Szenen, die an Selbstgespräche erinnern, die der genaue Beobachter und analytisch präzise Denker etwa in der Betrachtung ausgewählter Bilder oder Landschaften mit sich führt, und an denen wir Anteil nehmen dürfen. Alltagsbeobachtungen geben Gelegenheit, nach den Bedingungen eines gelingenden Lebens zu stellen. Große Gefühle wie Erleichterung oder mehrfach erfahrende Todesängste werden ebenso erinnert wie das Glück, per Zufall Beobachter einer Theaterszene auf offener Straße zu werden. In den insgesamt 67 Miniaturen – kaum eine länger als sechs Seiten – wird aber natürlich die Frage nach dem Sinn des Lebens, die Rolle des Einzelnen in der Kontinuität der Geschichte und des allgemeinen Vergessens, die Bedeutung des Todes oder die Angst vor der großen Leere, die der kurzen Spanne des eigenen Lebens vorausgeht und ihr folgt, erörtert. Können wir etwa, so eine wiederholt thematisierte Frage, die über zigtausend Jahre währende Gefahr todbringender Radioaktivität verantworten, die auch dann noch wirkt, wenn es schon lange keine Menschen mehr auf diesem Planeten geben wird: „Plötzlich“, so der Autor skeptisch, „leben wir in einer Zivilisation, in der wir keine Erinnerungen schaffen. Wir leben, um Vergessen zu hinterlassen. Was wird dann am Ende bleiben? Eine Zeit ohne Erinnerungen?“ (S. 376). Noch aber dürfen wir hoffen –, und das, solange wir leben! Ein großes Buch!

 Mankell, Henning: Treibsand. Was es heißt, ein Mensch zu sein. Wien: Zsolnay, 2015. 383 S., € 25,60 [D], 26,40 [A]ISBN 978-3-552-05736-4