Macht es Sinn, Marx in modernen Diskursen über aktuelle Themen zu berücksichtigen? Sind die Arbeiten von Karl Marx noch eine fruchtbringende Quelle für das Verständnis der Gegenwart und der Zukunft? Nein, sagt Jonathan Sperber, der eine neue Biographie von Karl Marx vorgelegt hat.

Marx sei ein Denker des 19. Jahrhunderts gewesen, seine Ideen seien Antworten auf die Fragen dieser Zeit und sie bauen auf der Denkweise dieses Jahrhunderts auf. „Das Bild von Marx als einem Zeitgenossen, dessen Ideen die moderne Welt prägen, ist überholt und sollte einem neuen Verhältnis weichen, das ihn als Gestalt einer verflossenen historischen Epoche sieht, die gegenüber unserer Gegenwart immer weiter in die Vergangenheit zurücksinkt: Er gehört zum Zeitalter der Französischen Revolution, der hegelschen Philosophie, der Anfänge der Industrialisierung in England und der aus ihr abgeleiteten politischen Ökonomie.“ (S. 9)

Vielleicht liegt das in der Natur der Sache, wenn man eine Biographie schreibt. Man verortet einen Menschen in seiner Zeit, im Geflecht der privaten Einflüsse, der politischen Erfahrungen und des Wissens, zu dem er Zugang hatte. Alle diese Faktoren müssen der Zeit entspringen. Nachzuweisen, dass Marx´ Denken sich aus dem Wissen des 19. Jahrhunderts speiste ist folglich zwingend. Schwieriger ist hingegen das Argument, dass man deswegen verwerfen sollte, Theorien von Marx zur Erklärung von Gegenwart und Zukunft heranzuziehen. Um das zu zeigen, ist es nötig. die Theorie an der Gegenwart zu messen. Das geschieht im Buch von Sperber nicht.

Das gesagt, kann man die Biographie mit viel Gewinn lesen. Sperber ist ein intimer Kenner seines Untersuchungsgegenstandes mit umfassendem historischen Wissen und einem hohen Interesse an der ideengeschichtlichen Verortung von Marx. Er greift die bekannte Unterscheidung zwischen dem frühen und späten Marx auf und sieht dabei einen Übergang von hegelianischen Ansätzen zu einem von der Naturwissenschaft inspirierten Positivismus. Letzterer habe das Verständnis von Marx geprägt, weil vor allem Marx Partner Friedrich Engels ihn so interpretierte und formte.

Sperber zitiert zustimmend Ferdinand Lassalle, der Marx als „des Socialist gewordenen Ricardo, des Oekonom gewordenen Hegel“ beschreibt. (S. 393) Viel Platz widmet er auch der Rezeption der Lehren Charles Darwins durch Marx. Sperber kann zeigen, wie ambivalent diese vor sich ging: Einerseits bestand Marx darauf, die begrifflichen Fundamente aller Wissenschaften philosophisch kritisch beurteilen zu können. Andererseits stellte sich Marx dem positivistischen Zeitgeist nie entgegen, sah sich als Materialist diesem durchaus verbunden.

Auch das private Leben von Marx kommt nicht zu kurz. Er wird als leidenschaftlicher, unbeugsamer und kompromissloser Charakter vorgestellt, der alle Stationen seines Lebens durchwandert. Der Kern des Buches freilich ist die Absage an die Idee, Marx als Zeugen für das Verständnis von Gegenwart und Zukunft heranzuziehen: „Vielleicht ist es sogar sinnvoller, Marx als einen rückwärtsgewandten Menschen zu sehen, der die Gegebenheiten der ersten Hälfte des 19. Jahrhundert in die Zukunft projizierte, und nicht als einen souveränen und vorausschauenden Interpreten historischer Tendenzen.“ (S. 9)

Sperber, Jonathan: Karl Marx. Sein Leben und sein Jahrhundert. München: C.H. Beck, 2013. 634 S., € 29,95 [D], 30,80 [A], sFr 40,90.

ISBN 978 – 3- 406-64096-4