Der Journalist und Publizist Jean-Carl Honoré spürt den Pionieren der Slow-Bewegung, der Streiter für einen neuen Umgang mit Zeit, nach. Geschwindigkeit wird dabei nicht pauschal verteufelt. Wenn wir aber mit unserem Geschwindigkeitskult so weiter machen wie bisher, wird das laut Honoré noch größere „Verwüstungen“ anrichten. Inzwischen haben wir für unsere Zeitneurose sogar einen neuen Therapeutentypus erfunden - die Gurus des Zeitmanagements. Der Autor wollte herausfinden, welchen Preis die Geschwindigkeit hat und welche Chancen die Langsamkeit in einer Welt, die immer schneller wird, überhaupt noch haben kann. Das Positive vorweg: Entschleunigung hat ihre Vorteile. Trotz der Kassandrarufe der Geschwindigkeitsapostel bedeutet „langsamer“ häufig auch „besser“ - meint „bessere Gesundheit, bessere Arbeitsverhältnisse, bessere Geschäfte, ein besseres Familienleben, besseres Training, bessere Küche und besseren Sex“. (S. 27) „Langsamer“ meint dabei nicht „alles im Schneckentempo“. Die Slow-Bewegung versteht darunter viel mehr die richtige Balance zwischen schnell und langsam. Zunächst besucht der Autor den Gründer der Slow-Food-Bewegung, Carlo Petrini, dessen Initiative seit 2003 in einem europaweiten Netzwerk zusammen geschlossen ist. Inzwischen gibt es in den USA „Slow Schooling“ (schafft Raum für Fantasie und kulturelle Veränderungen), einen Klub der Faultiere in Japan „Cittaslow“ sowie eine Initiative „Lebenswerte Stadt“ (durch Verkehrsberuhigung, Gründflächen, Fußgängerzonen); dazu zählen bereits über 60 Städte in Italien und etlichen anderen Ländern. In Großbritannien sind es Modelle so genannter „Home Zones“; am Beginn steht der „Slow Urbanism“, eine verbesserte Variante des New Urbanism, Slow Work und natürlich Meditation. Übrig bleibt nach der Lektüre die Erkenntnis, dass in unseren Lebenszusammenhängen - ob bei der Arbeit, Freizeit, Sport, Essen oder beim Sex - eben das richtige Tempo, die Balance zwischen schnell und langsam, gefunden werden soll. Einmal mehr gilt der Wahlspruch des Vereins zur Verzögerung der Zeit, der da lautet: „Alles zu seiner Zeit“. Dazu gehört sicher auch, sich ab und zu auf die „faule Haut zu legen“ - das Thema des folgenden Bandes, der im Übrigen eine wahre Fundgrube an inspirierenden Sprichwörtern, Fakten und Kuriositäten rund um das Thema „Faulheit“ ist. Verfasst vom Kulturwissenschaftler und Journalisten Wolfgang Schneider, reicht das Spektrum von J. F. v. Eichendorffs (Aus dem Leben eines Taugenichts) über Aristoteles (Der Engelpunkt, um den sich alles dreht) bis Schopenhauer (Zum Philosophieren) und Henry Miller. Wussten Sie eigentlich, dass die vermeintlich fleißigen Bienen gerade mal zwanzig Prozent ihrer Lebenszeit mit Arbeit verbringen? W. Schneider will mit seinem Band angesichts der modernen Hypertrophie der Arbeit und Geschäftigkeit an den nahezu in Vergessenheit geratenen Sinn und Nutzen der Faulheit erinnern. Dem steht entgegen, dass es in den „schnellen“ Ländern einen weitaus höheren Lebensstandard gibt, allerdings auch - und das ist die Kehrseite - höhere Herzinfarkt-, Scheidungs- und Selbstmordraten. „Das legt zumindest den Verdacht nahe [...], dass die Außenseiterrolle, die wir dem Untätigen oder dem ungern Tätigen in unserer Gesellschaft zuweisen, eine durch und durch verkannte ist.“( S. 25) Auch die Aussicht auf eine Arbeitsgesellschaft, der die Arbeit ausgeht, legt den Schluss nahe, aus „der vermeintlichen Not einen Lebensgewinn zu machen und sich daran zu erinnern, dass der Müßiggang keineswegs nur aller Laster, sondern auch aller Tugenden Anfang ist“ (S. 19). Dem Autor geht es deshalb darum, „das beschauliche Element in großem Maße zu verstärken“, wie schon Friedrich Nietzsche wusste. Der Philosoph und Politikwissenschaftler Hermann Lübbe sieht seine Überlegungen zum Phänomen Zeit nicht überraschend durch die geisteswissenschaftliche Brille. Der Praxis unseres individuellen und kollektiven Zeit-Umgangs, der Moralistik aktueller Zeitkultur gilt sein etwas abgehobener, dennoch nicht minder Interesse und Aufmerksamkeit weckender Blick auf das Thema. Mit Begriffen wie „Zukunftsgewissheitsschwund“, „Vergangenheitsvergegenwärtigungsinteressen“ (S. 431) oder „Gegenwartsschrumpfung“ umschreibt er einige der Schwierigkeiten, die es macht, sich in der modernen Lebenswelt und v. a. in der „Zukunft der Erinnerung“ zeitlich einzurichten. Im Gegensatz zu den meisten anderen Autoren, die sich mit Zeit beschäftigen, sieht er keinen Anlass zur Kulturkritik, obwohl er einräumt, dass die Beschleunigung „in der Tat die Vermutung begründet sein lässt, dass wir es mit Phänomenen der ‚Überforderung durch Beschleunigung' zu tun bekommen haben“ und deshalb die Erfahrungen der „Zeitknappheit“ alltagsprägend sind. „Statt in Räumen nie zuvor bekannter Möglichkeiten selbstbestimmter Lebensführung findet man sich in eine ‚Beschleunigungsfalle' geraten.“ (S. 417) Warum gerade diese Aussagen des Autors ihn selbst zur Kritik unseres gegenwärtigen Zeitverständnisses veranlassen, bleibt indes ungeklärt. Andreas Obrecht beschäftigt sich mit der Zeit als Teil unserer Vorstellung von uns selbst. Die „Eingebungen“ dazu hatte er auf einer menschenleeren Südpazifikinsel, auf der er wochenlang alleine lebte. Anhand von ethnographischen, kulturwissenschaftlichen und soziologischen Belegen unternimmt der Autor eine Zeitreise in verschiedene Epochen und Entwicklungen unseres Zeitverständnisses. Zwischen den Extremen der Zeitarmut „reicher“ Gesellschaften und dem Zeitreichtum „armer“ Gesellschaften geht es dabei um unterschiedliche kulturelle Identitäten und Wirklichkeitskonstruktionen. Abgerundet wird das Thema Zeit durch den Band von Ulrich Mückenberger, der empirische Befunde v. a. zur lokalen Zeitpolitik in Deutschland bzw. in Europa auswertet. Die theoretischen Schwerpunkte des Bandes liegen bei neueren Theorien zu externen Effekten betrieblicher Zeitpolitiken und zur Zivilgesellschaft sowie zur Konstitution eines „Rechts auf eigene Zeit“, wie der Autor in seinem Vorwort festhält. Bei aller Einschränkung solch soziologischer Studien, deren Inhalt sich dem (selbst geneigten) Leser oft schwer erschließen, geht der Mückenberger der Fragen nach, welche Probleme die betriebliche und administrative Arbeitszeit-Politik der Welt außerhalb des Betriebes stellt. Solche „externe Effekte“ in den Blick zu nehmen bedeutet, diejenigen Interessen und Gruppierungen zu untersuchen, die zwar von den Aushandlungsprozessen mit betroffen, aber nicht an ihnen beteiligt sind („Stakeholders“). Nicht zuletzt geht es dabei darum, ob und wie diese Akteure lebensweltlichen Zeitbedarf geltend machen können. A. A.

 

 Honoré, Jean-Carl: Slow Life. Neue Kreativität und Lebensqualität durch die Verwirklichung von Eigenzeit. München: Riemann, 2004. 349 S., € 19,- [D], 19,60 [A], sFr 33,25 ISBN 3-570-50037-3

Lübbe, Hermann: Im Zug der Zeit. Verkürzter Aufenthalt in der Gegenwart. 3. Aufl. Berlin: Springer, 2003. 454 S., € 34,95 [D], 36,- [A], sFr 59,50, ISBN 3-540-00202-2

Schneider, Wolfgang: Die Enzyklopädie der Faulheit. Ein Anleitungsbuch. Berlin: Eichborn, 2003. 190 S., € 24,90 [D], 25,60 [A], sFr 43,60 ISBN 3-8218-0720-2

 Obrecht, Andreas J: Zeitreichtum - Zeitarmut. Von der Ordnung der Sterblichkeit zum Mythos der Machbarkeit. Frankfurt/M.: Brandes & Apsel, 2003. 397 S., € 22,90 [D], 23,40 [A], sFr 40,10 ISBN 3-86099-780-7

Mückenberger, Ulrich: Metronome des Alltags. Betriebliche Zeitpolitiken, lokale Effekte, soziale Regulierung. Berlin: ed. sigma, 2004. 318 S., € 19,90 [D], 20,50 [A], sFr 34,80 ISBN 3-89404-509-4