Fast täglich bekommt man heutzutage Prognosen über e-commerce, Einkauf und Handel via Internet, zu Gesicht. Die Weltwoche unternimmt in einem "Extra" eine verdienstvolle Zwischenbilanz. Joachim Zepelin konstatiert zunächst eine in Umfragen sichtbare Zunahme der Akzeptanz dieses Vertriebswegs und eine "zweite Welle der Web-Wirtschaft", die nach der eher amateurhaften ersten Welle nun in den USA im Anlaufen ist. Großfirmen investieren erhebliche Summen in professionelle Web-Auftritte, die Vorteile wie geringere Lagerkosten, größere Auswahl, 24 Stunden “Öffnungszeit” pro Tag, reichhaltigere Kundeninformation, täglich aktualisierbare Sortimente und die Bequemlichkeit eines Einkaufs von zu Hause scheinen überzeugend. Damit nicht genug, für den Konsumenten zeichnen sich weitere Perspektiven ab: Intelligente Software-Agenten, "Bots", durchsuchen das Netz automatisch auf die günstigsten Angebote; Nachbarschaften werden via Netz zu Einkaufsgenossenschaften zusammengefaßt, um günstigere Preise zu erzielen; der Zugang in den virtuellen Markt soll bald auch per Handy möglich sein; Tickets, Urlaube, Geräte gibt es bereits konkurrenzlos billig bei Versteigerungen im Netz; Kombinationen dieser Formen stehen in Entwicklung.

Diesen Vorteilen stehen aber nicht unerhebliche Risken gegenüber: durch die bei e-commerce automatisch entstehenden Datenprofile droht der “gläserne Konsument” Wirklichkeit zu werden. Als große Hürde gilt, berichtet Alain Egli, auch noch die mangelnde Sicherheit im Internet: weder Anbieter noch Kunden können vor dem Computer wirklich wissen, mit wem sie es zu tun haben. Versuche von Intel und Microsoft, jeden Rechner mit individuellen Merkmalen auszustatten und so identifizierbar zu machen, stießen aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes auf erbitterten Widerstand. Ein anderer Weg zu höherer Sicherheit ist die Verschlüsselung von Daten unter Einbeziehung von Zertifizierungsstellen oder “Vertrauensnetzen”, wobei unter etlichen bereits am Markt befindlichen Systemen gegenwärtig allerdings nur die “Public Key Cryptography”, ein aus öffentlichem “Schloss” und privatem “Schlüssel” bestehendes asymmetrisches Verschlüsselungsverfahren befriedigend funktioniert, nämlich Phil Zimmermanns "Pretty Good Privacy" (PGP). Gegen eine weitere Verbreitung von Krypto-Software opponieren jedoch energisch die USA, die Erschwernisse für die Justizbehörden bei der Verfolgung von Kriminellen befürchten; auch in Europa haben sich 33 Länder im “Wassenaar-Abkommen” vom Dezember 1998 auf (allerdings weniger strikte) Beschränkungen geeinigt.

Angesichts der enormen Umsatzchancen und damit einhergehenden Geschäftsinteressen wird sich e-commerce nach den USA wohl auch in Europa als zusätzlicher Markt etablieren (eine jüngste Prognose der International Data Corporation errechnet eine Steigerung in Europa von gegenwärtig 5,6 Md auf 430 Md Dollar in den nächsten vier Jahren). Das Weltwoche-Extra präsentiert verdienstvollerweise einen Durchblick durch die glamourösen Versprechungen der Branche und weist auf die damit verbundenen Risiken hin, die mit entsprechenden Maßnahmen einzudämmen Politik und Gesellschaft herausgefordert sind.

W.R.

Surfen im Supermarkt. Sonderteil der Weltwoche 37/1999, 16. 9. 1999.