Einst wurde in Sprüchen wie "Für immer dein", in jeglicher herzigen Form investiert, heute erzielt der Buchtitel "Beim nächsten Mann wird alles anders" hohe Auflagen. Dazwischen herrscht Verwirrung, Chaos, tobt der Kampf zwischen Autonomie und Abhängigkeit, wird zwischen den Werten "Nähe" und "Distanz" balanciert. Da die Sicht nur einer Person zum "Chaos Liebe" angesichts seiner Provisorien, Vermutungen und Wagnisse inadäquat wäre, liefern hier eine Frau und ein Mann zwei Versionen eines Themas zeichnen ein bewusst unausgewogenes Bild, das mehr das Neue, denn das Altbekannte in den Blick rückt. So stellt sich "Liebe" als diesseitige Rest- und Neureligion Inmitten fortschreitender Individualisierungsprozesse dar: "Der Gott der Privatheit ist die Liebe. Wir leben im Zeitalter des real existierenden Schlagertextes. Die Romantik hat gesiegt, die Therapeuten kassieren." Das Schwanken zwischen dem "eigenen Leben" und dem "Dasein für andere" charakterisiert den weiblichen Individualisierungsprozess. Das alte Modell - der Mann ist der Ernährer, die Frau für Heim und Familie zuständig - hat auf den ersten Blick zwar ausgedient, dennoch sind Frauen oft nur einen Mann weit von der Armut entfernt. Die heute vorherrschenden Arbeitsformen ziehen Trennlinien zwischen Mann und Frau, nun fehlt beiden "die Ehefrau", die für die Hintergrundarbeit zuständige "dritte Person". Aus der Arbeitsgemeinschaft Ehe entsteht die Gefühlsgemeinschaft, Gefühle werden zur Arbeit, Liebe ist ein knappes und daher begehrtes Gut, das stets neu erkämpft werden muss. Im Lichte fortschreitender Individualisierung wird das Kind zur letzten unaufkündbaren Primärbeziehung bei kommenden bzw. gehenden Partnern. "Liebe" ist zur Leerformel geworden, die die Liebenden selbst zu füllen haben, wobei ihnen Woody Allens Einsicht "Das Herz ist ein äußerst dehnbarer Muskel" ein Trost im Chaos sein könnte. 

Beck, Ulrich; Beck-Gernsheim, Elisabeth: Das ganz normale Chaos der Liebe. Frankfurt: Suhrkamp, 1990.299 S., DM 14,-/sFr 12 / öS  109,20