Zum Verhältnis Protestantismus – Kultur im 21. Jahrhundert

Die evangelischen Kirchen in Deutschland wollen in den kommenden Jahren einen Konsultationsprozess zum Verhältnis zwischen reformatorischem Christentum und Kultur führen. Eine 10-köpfige Arbeitsgruppe unter dem Berliner Bischof Wolfgang Huber hat als Vorlage dazu ein Impulspapier erarbeitet, das gegen die Auffassung, das Christentum sei dabei, seine kulturprägende Kraft einzubüßen, festhält, daß sowohl die Kultur auf die prägenden und kritischen Kräfte des Christentums angewiesen sei als auch der Glaube nur im lebendigen Austausch mit der Kultur verständlich und zugänglich wird.

Diese These wird in acht „Begegnungsfeldern“ entfaltet: Religion, Gedenkkultur, Kunst, Jugendkultur, Bildung und Wissenschaft, Medien, Sport und Spiel, Alltag und Sonntag – was bereits den weiten Kulturbegriff zeigt, der der Studie erfreulicherweise zugrundeliegt. Die Arbeitsgruppe sieht drei wesentliche Aufgaben der Christen im Verhältnis zur Kultur: 1) Die Christen tragen Verantwortung für die kulturelle Gestaltung ihres Glaubens (von Denkmalpflege über Kultivierung der Tradition bis zur Zuwendung zur Gegenwartskultur); 2) Die Kirchen haben eine Aufgabe als kritische Begleiterinnen der Kultur (und müssen daher ihre Stimme u. a. für Toleranz, Achtung der Menschenwürde, Abkehr von Gewalt, Bewahrung der Natur, eigener Urteilsbildung statt banalem Konsumismus erheben); 3) Das Christentum versteht sich auch weiterhin als prägender Beitrag zur Kultur der Gesellschaft und soll seine großen gesellschaftmächtigen Prinzipien Anerkennung der Würde des einzelnen, Verantwortung gegenüber dem Gewissen und Solidarität füreinander auch künftig für den kulturellen Prozeß fruchtbar machen und gegen alle Absolutismen darauf hinweisen, daß der Mensch und seine Kultur in einer größeren Transzendenz eingebunden sind.

Ein wichtiger Text, gleichermaßen für Christen als auch für kirchenferne Zeitgenossen, die über die Zukunft der Kultur und ihrer tragenden Werte nachdenken wollen. Leider wird dabei nur wenig auf Themen wie das Verhältnis des Christentums zur Demokratie oder zum Krieg eingegangen – vielleicht, um Überschneidungen mit dem EKD-Papier 63 „Christentum und politische Kultur“ aus 1997 zu vermeiden? Es wäre zu wünschen, daß die Inhalte dieser beiden Schriften in der Diskussion um die europäische Identität, die ja wohl von mehr als vom EURO abhängt, angemessen wahrgenommen werden. W. R.

Diskussionsbeiträge sind erbeten entweder an die EKD, Referat 216, Postfach 21 02 20, D-30402 Hannover oder an die Geschäftsstelle der Vereinigung Evang. Freikirchen (VEF), Wilhelm-Leuschner-Str. 8, D-60329 Frankfurt.

Link [überarbeitet 2018]: https://www.theomag.de/04/ekd.htm

Gestaltung und Kritik. Zum Verhältnis von Protestantismus und Kultur im neuen Jahrhundert. Hrsg. v. Kirchenamt d. Evang. Kirche in Deutschland (EKD) Hannover 1999

 

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