Zukunftsforschung in Europa

Während der Bedarf an Orientierungswissen über künftige Entwicklungen ständig wachse, zeigten sich die Grenzen der traditionellen Prognose- und Planungsinstrumente immer deutlicher, so die Herausgeber dieses Bandes, Rolf Kreibich, Karlheinz Steinmüller und Christoph Zöpel. Nicht einlinige Trendprojektionen und technokratische Umsetzungen seien gefragt, sondern anpassungsfähige, offene Vorgehensweisen, die die Beteiligung der BürgerInnen ermöglichen, die qualitative und quantitative Momente einbeziehen, Chancen und Risiken benennen und nicht zuletzt Handlungsoptionen in alternativen Szenarien umreißen.

Auch wenn es Zukunftsforschung als anerkannte universitäre Disziplin zumindest in Europa nicht gibt – was zu Recht als Manko beklagt wird ‑, zeigen die vorliegenden, auf einer Tagung des Sekretariats für Zukunftsforschung (SFZ) in Gelsenkirchen basierenden Beiträge, dass in verschiedenen europäischen Ländern sehr lohnenswerte Forschungsansätze existieren. Dabei fällt auf – und dies wird mit dem Umstand nichtuniversitärer Verankerung zusammenhängen ‑, dass diese Ansätze sehr anwendungsorientiert operieren: sei es durch ihre Wirtschaftsnähe, wie die Beispiele von DaimlerCrysler Research (Eckard Minx) und des Einsatzes der Szenariotechnik in Unternehmen (Ute von Reibnitz) zeigen, oder – davon handeln die meisten Beiträge des Bandes ‑ durch ihre Ansiedlung im Bereich der Politikberatung.

Die Entwicklung der „Szenarios Europa 2010“ durch die Forward Studies Unit der Europäischen Kommission mittels eines komplexen Faktoren-Akteure-Beziehungsmodells (Gilles Bertrand und Michael D. Rogers) können hier ebenso genannt werden wie die Forsight-Studien in den Niederlanden für eine nachhaltige Wissenschafts- und Technologiepolitik (Barend van der Meulen). Die von Peter Fleissner skizzierte Form der Politikberatung des Instituts für Technologische Zukunftsforschung in Sevilla – ebenfalls eine Einrichtung der Europäischen Kommission – geht noch einen Schritt weiter: Aus der Erkenntnis, dass von ExpertInnen erstellte Studien häufig nicht oder nur mangelhaft gelesen, geschweige denn politikwirksam umgesetzt  werden, ist man in Sevilla dazu übergegangen, PolitikerInnen bereits in die Entstehung der Konzepte einzubinden, Expertenpanels werden durch Policy-Workshops ergänzt, Erarbeitung und Anwendung von Konzepten fallen auf diesem Weg zusammen.

Zukunft als offen im Sinne „möglicher Zukünfte“ zu begreifen ist auch das Ziel der französischen ForscherInnengruppe „futurible“, dessen Arbeitsweise von Hugue de Jouvenel beschrieben wird und der Zukunftsorientierung von Robert Jungk sehr nahe kommt (Bertrand de Jouvenel zählte ja mit Jungk zu den Gründern einer kritischen Zukunftsforschung). Walter Spielmann, der über die Arbeit der von Jungk in Salzburg gegründeten Stiftung berichtet, verweist zu Recht auf die vielen nur teilweise gehobenen Schätze aus dem Nachlass unseres Mentors und plädiert für eine kritische Bestandsaufnahme der noch kurzen Geschichte der Zukunftsforschung.

Dass Europa eine Vielfalt an Einrichtungen aufzuweisen hat, die sich mit Fragen der Zukunft beschäftigten, zeigen nicht zuletzt die im Anhang angefügten insgesamt 37 Porträts einschlägiger Institute aus West- und Osteuropa. H. H.

Zukunftsforschung in Europa. Ergebnisse und Perspektiven. Hrsg. v. Karlheinz Steinmüller …. Baden-Baden: Nomos, 2000. 200 S. (ZukunftsStudien; 22) DM 39,- / sFr 36,- / öS 285,-

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