Zukunft. Bildung. Lebensqualität

Unbestritten zählen – trotz aller Bemühungen zum Abbau der Staatsschulden – Investitionen in Bildung und Forschung zu den vorrangigsten Zielen, um Wettbewerbsfähigkeit und Lebensqualität unserer wissensbasierten Gesellschaft zu sichern. Was aber ist damit gemeint? Lebensqualität bedeutet, wie die Herausgeber dieses Bandes über Bildung und Lebensqualität einleitend mit Verweis auf den Sozialwissenschaftler Erik Allardt betonen, mehr als Glück oder Wohlbefinden. Gemeint ist vielmehr „die Kombination aus drei großen Dimensionen des menschlichen Lebens“, nämlich „Having“ (Wohlstand, Bildung und Gesundheit), „Loving“ (Zugehörigkeit zu sozialen Gruppen von der Familie bis zur Gemeinde) und „Being“ (Selbstverwirklichung und Sinnfindung durch Partizipation). Bildung ist demnach sowohl subjektiv als auch objektiv ein wesentlicher Faktor von Lebensqualität (vgl. S. 2).

In einem vom Zentrum für Zukunftsstudien an der Fachhochschule Salzburg gemeinsam mit dem Europäischen Forum Alpbach im Juni 2010 veranstalteten Kolloquium wurde dem Zusammenhang aus unterschiedlicher Perspektive nachgespürt.

Reinhold Popp beleuchtet im einleitenden Beitrag den Zusammenhang zwischen Zukunft, Bildung und Lebensqualität. Der Schule – dies erscheint zunächst paradox – komme, so Popp, als Bildungsfaktor im 21. Jahrhundert zunehmend geringere Bedeutung zu. Denn zum einen hat schulisches Wissen ein immer früheres Ablaufdatum, zum anderen verbringen DurchschnittsbürgerInnen „höchstens drei bis vier Prozent der Lebenszeit mit schulischer (einschließlich hochschulischer) Bildung“ (S. 8). Neben Daten und Fakten zum österreichischen Bildungswesen – u. a. werden aktuell etwa 1,1 Millionen SchülerInnen von 123.000 LehrerInnen betreut – ortet der Autor rundum Sanierungsbedarf. So gebe es im Schulwesen drei zentrale Missverständnisse (1. Lernen funktioniert nur durch Lehrtätigkeit; 2. Benotung durch fünf Ziffern ist aussagekräftig und motivierend; 3. 50-minütige Unterrichtshäppchen sind bei der Vermittlung von Inhalten ausreichend). Im Hochschulwesen mit rund 42.000 Studierenden an Universitäten, 34.000 an Fachhochschulen und circa 12.000 an Pädagogischen Hochschulen habe „der Grad der Verschulung massiv zugenommen“ (S. 15), gebe es „eine unerträglich hohe Drop-out-Rate von rund 50 Prozent und eine Akademikerquote von nur 15 Prozent, womit Österreich im Vergleich der 31 OECD-Staaten an letzter Stelle liege. Trotz regelmäßiger Beteuerungen, in den kommenden Jahren deutlich mehr in den Bereich Bildung zu investieren, fällt das Resümee ernüchternd aus: Denn „krisenbedingt“, so Popp, „werden offensichtlich nahezu alle Bildungsausgaben in den kommenden drei bis vier Jahren nicht nennenswert erhöht.“ (S. 18) Eine in Summe düstere Bilanz!

 

Bildung und Lebensqualität

Max Fuchs steuert zum Abschluss des ersten Abschnitts Überlegungen zur Genese des Kulturbegriffs und dessen Bedeutung im Kontext von Bildung und Lebensqualität bei. Dabei beklagt er unter anderem die „Engführung von Bildung auf bloße ökonomisch verwertbare Qualifikation“ sowie den „immer wieder auftauchenden Versuch, entgegen der Entwicklungsdynamik von Kultur und entgegen der Tatsache, dass Kultur nur als Interkultur verstanden werden kann, eine neue ‚Leitkultur’ zu proklamieren“ (S. 32).

Zu Beginn von Abschnitt zwei, der sehr allgemein Zusammenhängen von „Bildung und Gesellschaft“ nachspürt, präsentiert Mitherausgeber Ulrich Reinhardt, in der Nachfolge von Horst W. Opaschowski Leiter der „Stiftung für Zukunftsfragen“, die Ergebnisse einer Repräsentativumfrage zum Thema „Zukunft der Bildung“ aus dem Jahr 2009. Mehr als 11.000 BürgerInnen aus neun Ländern wurden dabei zu acht verschiedenen Themenbereichen über ihre Erwartungen bis zum Jahr 2030 befragt. Demnach haben etwa erst 31% der EuropäerInnen erkannt, dass freiwillige Weiterbildung zur Selbstverständlichkeit wird (mehrheitlich stimmen nur Frankreich [62%] und die Schweiz [52%], aber nur 16% der Spanier dieser Aussage zu, S. 39); insgesamt 40% sind der Ansicht, dass bis zum Jahr 2030 die meisten EuropäerInnen mindestens zwei Sprachen fließend sprechen werden; dass es bis dahin „Online-Vorlesungen für alle“ geben wird, bejaht 1/3 der Befragten; immerhin 45% sind der Meinung, dass „immer mehr besser qualifizierte Frauen Führungspositionen übernehmen werden, und – die vielleicht weitestreichende Veränderung: immerhin 34% sind der Ansicht, dass es in knapp 20 Jahren „mehr Privatschulen als staatliche Schulen“ geben wird (S. 46). Dass es bis dahin „viele neue Berufsfelder“ vor allem für junge ArbeitnehmerInnen geben wird, halten immerhin 38% für wahrscheinlich, hingegen sind nur 1/3 der Befragten der Ansicht, dass „unser Bildungssystem gut auf die Zukunft vorbereitet“(S. 51). Mit Blick auf diese Befunde plädiert Reinhardt für eine neue Pluralisierung der Lernorte und formuliert acht Forderungen an die Erziehungswissenschaft zur Gewährleistung einer zeitgemäßen bzw. zukunftstauglichen Bildung (s. Kasten S. 8).

„Die Zukunft von Frauen zwischen Bildungserfolg und Kinderfalle“ ist Thema von Waltraud Cornelissen. Dabei werden Barrieren im Beruf erörtert (so geben etwa 21 Prozent der in Teilzeit beschäftigten Frauen in Österreich an, nicht ihren Qualifikationen entsprechend beschäftigt zu sein), Zukunftsvisionen formuliert („Zwei Drittel aller Eltern in Deutschland wünschen sich, zu zweit erwerbstätig sein und gemeinsam ihre Kinder aufziehen zu können. […] Drei Viertel der mit (mehr als) 40 Wochenstunden erwerbstätigen Väter und über die Hälfte dieser Mütter würden ihre Arbeitszeit gerne reduzieren.“ [S. 76f.]) sowie aufgrund dauerhaft „wechselnder Muster des Lebens und Arbeitens“ die Vermittlung von „Lebenskompetenz“ als wesentliche Bildungsaufgabe benannt (S. 78f.).

 

 

Facetten informellen Lernens

Im dritten Abschnitt, der „Formen des Lernens“ präsentiert, bietet Felicitas Thiel zunächst einen erhellenden „Versuch einer Standortbestimmung informellen Lernens“. Neben dessen vielen Facetten (nicht institutionell, unbewusst, durch Erfahrung etc. [vgl. S. 86]) zeigt der differenzierte Versuch einer Begriffsbestimmung, dass gerade diesem Aspekt des Lernens künftig viel mehr Beachtung geschenkt werden sollte. Renate Freericks teilt diese Ansicht, wenn sie im Folgenden darlegt, dass „die Zukunft anders“, nämlich „informell und erlebnisorientiert lernt“; zunehmend würde „lernend gearbeitet und arbeitend gelernt“, die „informelle Dimension“ v. a. in der beruflichen Weiterbildung an Bedeutung gewinnen, erläutert Gabriele Molzberger. Dabei lenkt sie im Vergleich ausgewählter EU-Staaten die Aufmerksamkeit auf die Inanspruchnahme von Kursen der beruflichen Weiterbildung. Dass Griechenland (14%) und Ungarn (16%) am unteren Ende der Skala, Frankreich und Schweden (je 46%) und die Tschechische Republik mit 59% an der Spitze liegen, verweist nicht zuletzt auch auf den Zusammenhang von Bildung, ökonomischer Stabilität und Lebensqualität.

Abschnitt vier ist dem Thema „Bildung und Politik“ gewidmet. Eingangs leitet Anton Pelinka den gesellschaftlichen Stellenwert von Bildung vom Wesen der Demokratie ab, deren „Zentralwert“ er in der Gewährleistung von Freiheit und Gleichheit ausmacht. Für beide sei Bildung die „entscheidende, die wesentliche Voraussetzung und doch zugleich eine gesellschaftliche Bruchlinie, ein Faktor, der politische Spannungen erklärt“ (S. 156). Insbesondere in Österreich, so der Politologe, sei Bildung sozial determiniert, „das (Hoch-)Schulsystem ein Flaschenhals“. In aller Deutlichkeit spricht Pelinka von „Politikverweigerung zu Lasten der Zukunft“ und fordert die „Entaustrifizierung des Schul- und Universitätssystems durch ein „umfassendes bildungs- politisches Reformprogramm“ (vgl. S. 164f.), wie es zuletzt auch das „Bildungsvolksbegehren“ in Österreich einmahnte. Markus Pausch setzt sich in seinem Beitrag zunächst grundsätzlich mit der Bedeutung politischer Bildung auseinander, die für ihn mehrere Teilaspekte umfasst: die Ausbildung von Urteilskompetenz, die Vermittlung von Kenntnissen über das politische System und schließlich die Bereitstellung von öffentlichem Raum, der den Austausch von Meinungen ermöglicht (vgl. S. 169ff.). Des weiteren beschäftigt sich der Autor mit den unterschiedlichen „Bildern der EuropäerInnen mit der EU“ in Medien und Öffentlichkeit und leitet daraus zusammenfassend sechs „Desiderate für eine effiziente politische Bildung“ ab (vgl. S. 184), wobei er sich in Summe davon überzeugt zeigt, dass „trotz aller Probleme der Gegenwart Optimismus angebracht [sei], da sich sowohl in den Brüsseler Institutionen als auch in den Mitgliedstaaten im Hinblick auf politische Bildung einiges tut“ (S. 185).

Ein weiterer Abschnitt setzt sich praxisorientiert (etwa P. Burgstaller/Th. Schuster über das seit Jahren erfolgreiche Projekt der Kinderstadt „Mini-Salzburg) und theoretisch reflektierend mit der Bedeutung erlebnisorientierten Lernens auseinander (M. Pries plädiert für „entgrenztes Lernen“ jenseits der Institution Schule, um so „Wissenserwerb, Kompetenzentwicklung und (Neu-)Orientierung in Bezug auf Wert und Einstellungen“ zu fördern, S. 220). Beide Aspekte verbindend, stellt die Architektin Ursula Spannberger mit der „CHARTA SchulUMBau“ Orte für eine neue Lernkultur vor und zur Diskussion.

Mit leider nur zwei Beiträgen werden im abschließenden, sechsten Abschnitt Überlegungen zur Zukunft der Hochschule eingebracht. In Anbetracht der (freilich nicht nur in Österreich gegebenen) eklatanten Finanzierungsdefizite, an denen vor allem Hoch-, aber auch Fachschulen leiden, stellt sich Josef Christian Aigner der Herausforderung, über den „Lob des Mangels (als) Chance zum Innehalten“ nachzudenken, da andernfalls die Erwartungen der „Bologna-Anbeter/innen (…) durch keinerlei Budgetgrenzen   gebremsten Wettlauf um Studien- und Forschungsprogramme (in kürzester Zeit undurchschaubar und vor allem – was noch schwerer wiegt – kaum mehr wegzukommen [wären]!“ (S. 251) [Die Erwartung, dass Geldmangel allein den katastrophalen Folgen durchgängiger Quantifizierung von Bildung ein Ende setzen könnte, muss der Kategorie unbegründete Hoffnung zugeordnet werden. Anm. W. Sp.] Dass Aigner, sich auf Jürgen Mittelstraß beziehend, Bildung als „Orientierung“, „Lebensform“ und als „Können“ begreift, die auch einer „Ethik der Wissensproduktion und der Wissensverwendung“ bedürfe, „die uns in modernen Gesellschaften verloren gegangen ist“ (S. 266), ist ebenso verdienstvoll wie utopisch (was Aigner abschließend zu der knappen Feststellung veranlasst: „Utopie? Na, und wenn schon!“ Mit einem sachlichen Blick auf die Leitbilder der österreichischen Fachhochschulen beschließt Elmar Schüll den facettenreichen Band, der angesichts der Vielfalt der behandelten Themen im besten Sinne „für jede/n etwas bietet“. W. Sp.

Zukunft. Bildung. Lebensqualität. Hrsg. v. Reinhold Popp … Wien: LIT-Verl., 2011. 96 S. € 24,90 [D], 25,60 [A], sFr 43,60

ISBN 978-3-643-50274-2

 

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