Wozu Religion?

Eugen Drewermann und Jürgen Hoeren sprechen über ReligionAusgehend von der BSE-Seuche und den Massenvernichtungen, dem „Holocaust für Rinder“ (S. 7), entwickelt sich in diesem Buch ein Gespräch über „Gott und die Welt“ – im besten Sinn des Wortes. Immer wieder kritisiert Drewermann dabei die anthropozentrische christliche Ethik, die z.B. Rinder als Waren ansieht und nicht als fühlende Lebewesen. Notwendig sei es,  anzuerkennen, dass auch Tiere eine Seele haben und von östlichen Religionen das Prinzip des „Nichtverletzens“ zu übernehmen, das verlangt, Tieren nicht unnütz Leid und Schmerz zuzufügen . Vegetarismus ist für Drewermann eine „vernünftige Alternative“ (S. 14), auch wegen der Folgen der in-dustriellen Massentierhaltung z.B. auch für die Umwelt.
Konsequent lehnt er auch im schöpfungstheologischen Teil des Gespräches die Aussage, dass der Mensch die Krone der Schöpfung sei als anthropozentrisch und deshalb falsch ab.
Nach einem längeren Abschnitt über klassische theologische Themen geht es vor allem um Fragen der medizinischen Ethik. Wohltuend ist dabei, dass Drewermann bei Fragen wie der Abtreibung eines behinderten Kindes aufgrund pränataler Diagnostik keine vorschnellen und dogmatischen Antworten gibt, sondern vor allem auch die Konsequenzen, die das für die jeweilige Frau und ihr gesamtes Leben hat, einbezieht und ihr die Entscheidung überlässt. Insgesamt hält er bei all diesen Fragen keine fertigen Antworten bereit, sondern teilt seine Gedanken und Thesen mit, die zum Nachdenken anregen, denn: „Die Medizin wird uns zunehmend in eine ganze Reihe von ethischen, anthropologischen und weltanschauliche Krisen bringen.“ Ausgelöst werden diese Krisen durch technische Fortschritte wie Organtransplantation, Forschung an embryonaler Stammzellen, Klonen von Tieren und Menschen. Deutlich äußert der kritische Theologe seine Kritik an einer Wissenschaft, die völlig an „Kapitalgeber von immenser Potenz“ gebunden ist, und nicht mehr dazu dient, Wissen zu vermehren, sondern: Geld zu vermehren (S. 156). Konsequenter Weise erachtet er das derzeitige Wirtschaftssystem als gänzlich überholt und unbrauchbar: „In dieser Welt kann man nur wünschen, dass das, was wir heute als Wirtschaftssystem etabliert haben, zusammenbricht. Dieses System meint die Men-schen nicht.“(S.173), ebenso wie übrigens auch die institutionell verfasste Religion.
Neuansätze einer lebbaren Religion sieht Drewermann „im Kleinen und jenseits der Institutionen“. Die Religion der Zukunft wird „psychisch integral“ sein (ohne morali-sche Engpässe, ohne anthropologische Verkürzungen, …) – also: den Menschen entwickeln helfen. Sie wird auch „interkulturell und sozial integrativ den Diskurs und Dialog fördern“ und sich vom absoluten Wahrheitsanspruch verabschiedet haben. (S. 176ff.) Das Gebet und die im Dialog mit dem Buddhismus (wieder)entdeckte Meditati-onspraxis eröffnen das, woraus der Mensch leben kann: Ruhigwerden, Freiwerden, Leerwerden; derart könnten wir „offen zu Gott, gütig zu den Tieren, hell im eigenen Inneren und verschwistert miteinander über alle Grenzen und Mauern hinweg“ werden. (S.  221)
Dieses Gespräch vermittelt einen eher pessimistischen Zugang zu Welt und vor allem den Menschen, wie sie heute leben und handeln. Ernste und wichtige Themen sind hier zu finden in einer – anregenden und deutlichen Sprache, die nachdenklich macht und zum Beziehen eines eigenen Standpunktes herausfordert. Also: wärms-tens als Lektüre zu empfehlen. S. A.

Bei Amazon kaufenDrewermann, Eugen: Wozu Religion? Sinnfindung in Zeiten der Gier nach Macht und Geld. Im Gespräch mit Jürgen Hoeren. Freiburg/Br. (u. a.): Herder-Verl., 2001, 224 S., € 18,40 / DM 36,  / sFr 32,50 / öS 263,

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