Wiederfindung der Eigenenergie

Etwas anderes als eine fundierte, gegen den Mainstream gebürstete Bestandsaufnahme ist von Waltraud A. Perner nicht zu erwarten. Wenn sich die prominente Psychoanalytikerin und –therapeutin, der es zudem als Juristin, Soziologin und Theologin stets darum geht, Zusammenhänge aufzuzeigen, zur „Allwetterdiagnose Burn-out“ zu Wort meldet und diesen „Neologismus“ (S. 32), gleich eingangs als „eine mögliche gesunde Reaktion auf ungesunde – gesundheitsschädliche – Lebensumstände“ bezeichnet (S. 22), sind Irritationen vorprogrammiert. Das ist gut so, denn diese erst machen es möglich, Fragen zu stellen, die Denkgewohnheiten und Handlungsmuster aufbrechen.

In unserer Leistungsgesellschaft hätte das „Ehepaar Überforderung und Energiemangel“ mit seinem „Erziehungsstil Angstmache und Unterwerfungsgebot“ (S. 12) ganze Arbeit geleistet, sagt Perner. Heerscharen von Wellness-Bedürftigen würden den „Anleitungen zum Glücklichsein“ hinterherjagen, „der Mensch als bedürftiges Objekt zur Generierung von Arbeitsplätzen für Angehörige von Psycho-Berufen und Mediziner/innen dienen (S. 16). Anstelle der praktizierten Individualisierung von Versagen und Leiden, ginge es aber darum, einen „systemisch-soziologischen Blickwinkel anzulegen“, meint die Expertin: Welche Personen bzw. Gremien mit Macht versuchen mit welchen Methoden aus Mitarbeitern und deren Angehörigen welche „Kraftleistungen“ (=Anstrengungen ohne Erfolgserlebnis) herauszupressen, fragt Perner (S. 21) und rückt den einhergehenden Energieverlust ins Zentrum ihrer weiteren Überlegungen.

Mit dem „Wagnis der Aufrichtigkeit“ könne es u. a. gelingen, den „Einbußen an Selbstachtung“ entgegenzuwirken, dazu gehöre auch Leidenschaft, „die Bereitschaft, heftige Gefühle zu ertragen“ (S. 53).

Wir seien, erläutert die Autorin gleichermaßen pointiert wie überzeugend, im Wesentlichen „Opfer eines militärischen Erziehungsstils“ (vgl. S. 65ff.), selbst den „Helden der Arbeit“ würden Parolen vorgegeben, vertiefende Gespräche oder kritische Sichtweisen seien hingegen selten gefragt.

Die Rückgewinnung von „Gestaltungsmacht“ hingegen sei eine der verlässlichsten Pfade aus der Resignation, denn sie wirke der Entfremdung, dem Verlust an Interesse und Beziehungsfähigkeit entgegen. Wohltuend differenziert leuchtet die Autorin trügerische Verlockungen (etwa Psychokulte) wie auch Potenziale der Regeneration (z. B. Selbsthilfegruppen) aus, erörtert „Fallen des Zeitgeists (Konsumgier, Pornografie), plädiert für die heilsame Wiederentdeckung des „verlorenen Humors“ (S. 147ff.) und die „Wiederentdeckung des Mitgefühls“ (vor allem zu sich selbst!).

„Auf der Suche nach Heilung“ – „ein Prozess, in dem man seine eigene Ganzheit findet und bewusst erlebt“ (S. 170) – plädiert Perner (in Anlehnung an Cobaugh und Schwerdtfeger) dafür, folgende Sektoren des „inneren Kraftzentrums“ zur Energie(rück)-gewinnung zu nutzen: „Arbeit (und, aber nicht nur Beruf), soziale Kontakte, emotionale Bindungen, intellektuelle Entwicklung, körperliche Gesundheit, Spiritualität sowie Kunst und Kultur.“

Wer sich über Ursachen von Strategien gegen die epidemisch grassierende „Erschöpfung“ näher informieren will, sollte diesen Titel kennen. Offen freilich bleibt auch hier, ob und wie es gelingen kann, die Interessen der Mächtigen durch Humor und persönliche Heilungsstrategien zu unterminieren und Systeme dauerhaft zu verändern. Walter Spielmann

 

Perner, Rotraut A.: Der erschöpfte Mensch. St. Pölten (u. a.): Residenz-Verl., 2012. 205 S., € 21,90 [A, D],  sFr 38,30; ISBN 978-3-70173266-1

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