Wie wir das Richtige tun

Michael J. Sandel ist einer der meistgelesenen Philosophen der Gegenwart. Sein aktuelles Werk „Gerechtigkeit – Wie wir das Richtige tun“ liegt seit einigen Monaten vor und findet erneut viele Leserinnen und Leser. Der Grund dafür ist nicht, dass man viel Neues von Sandel hört. Der Grund muss sein, dass er eine sehr gut lesbare, mit anschaulichen Beispielen gespickte Übersicht über die Geschichte des Diskures über Gerechtigkeit vorgelegt hat.

Sandel ist ein Vertreter des Kommunitarismus und innerhalb dieser Denkschule übernimmt er das, was man den egalitären Flügel nennen kann. Diese Position stellt er in dem Buch dar und erläutert, während er von Aristoteles Idee des „guten Lebens“ bis John Rawls Theorie der Gerechtigkeit reist, wie sich seine Auffassung von anderen unterscheidet.

Sandel sieht drei große Gruppen in den Denkansätzen. Die erste meint, dass Gerechtigkeit das größte Glück für die größte Zahl von Menschen bedeute. Zumeist bezeichnet man diesen Ansatz als „utilitaristisch“. Gerechtigkeit wird hier berechnet und bezieht sich nicht auf Grundsätze. Sandel kritisiert, dass diese Berechnung in einer gemeinsamen Währung des Glücks erfolgen müsste: Diese gibt es aber nicht, wenn man qualitative Unterschiede nicht einebnen wolle.

Ausverhandeln von Kompromissen

Die zweite Denkschule meint, man kann bestimmen, was gerecht ist, ohne dass man als Messlatte eine Idee habe, wie die gerechte Gesellschaft aussieht oder woran man das Gerechte erkennt. Vielmehr gelte es, Gerechtigkeit unter den Beteiligten, die für diesen Vorgang gleichberechtigt an den Start gehen sollten, in einem gemeinsamen Prozess zu bestimmen. Es gehe nicht um den Konsens über die Bestimmung des Gerechten oder des guten Lebens, sondern um das Ausverhandeln eines Kompromisses. Für die einen findet dieses Ausverhandeln am freien Markt statt. Für die anderen entsteht Gerechtigkeit in einem hypothetischen Abtausch von Rechten und Pflichten, den Menschen in einer Ursituation der Gleichheit vornehmen würden. Zweiteres ist der Vorschlag von John Rawls.

Sandel beschreibt die Idee von Rawls so: Die Menschen in modernen demokratischen Gesellschaften seien uneins über moralische und religiöse Fragen. Auch in einer freien Diskussion sei nicht zu erwarten, dass man zu einem Konsens kommen müsse. Daraus folgt die Notwendigkeit der Toleranz angesichts moralischer und religiöser Uneinigkeit. Welche Urteile alles in allem wahr seien, ist somit egal. Um zwischen konkurrierenden moralischen und religiösen Lehren Unparteilichkeit zu wahren, beschäftige man sich nicht im Einzelnen mit den moralischen Themen, über die diese Lehren streiten (S. 340). Im Gegensatz zum Utilitarismus gibt es hier also die Möglichkeit, Grundrechte unverhandelbar zu machen: Was immer mein Gegenüber an Grundwerten besitze, bleibe ihm/ihr überlassen. Die Vorlieben und Wünsche der Menschen werden nicht bewertet.

Sandel widmet der Kritik dieser Denkschule viel Aufmerksamkeit. Er führt als Beispiel die Forschung mit embryonalen Stammzellen an. Es sei dabei nicht möglich, die damit zusammenhängenden Fragen zu beantworten, ohne zu den dahinter liegenden moralischen und religiösen Kontroversen Stellung zu beziehen. Neutralität beziehungsweise die Akzeptanz des Gegenübers als frei bei der Wahl seiner Grundwerte sei nicht möglich, weil es um die Frage gehe, ob im Zuge des Verfahrens ein Mensch getötet werde (S. 346). Man werde sich daher auf die Diskussion über die Grundwerte einlassen müssen.

Auch am Beispiel der Diskussion über den Zugang von gleichgeschlechtlichen Paaren zur Institution der Ehe will er zeigen, dass man nicht immer Kompromisse abseits einer Diskussion über das gute Leben erreichen kann. „Wollen wir entscheiden, wer für die Ehe geeignet sein soll, müssen wir den Zweck der Ehe und die durch sie gewürdigten Tugenden durchdenken. Und das bringt uns auf moralisch umstrittenes Terrain, wo wir gegenüber konkurrierenden Vorstellungen vom guten Leben nicht neutral bleiben können.“ (S. 355) Anders formuliert: Befürworter der gleichgeschlechtlichen Ehe kommen nicht umhin, zu sagen, warum die Ehe für gleichgeschlechtliche Paare gut sei. Und bereits damit befinden sie sich in der Diskussion darüber, was man das gute Leben nennen kann.

Schließlich gibt es die dritte Auffassung, dass es zur Gerechtigkeit gehört, Tugend zu kultivieren und über das Gemeinwohl nachzudenken. „Um zu einer gerechten Gesellschaft zu gelangen, müssen wir darüber nachdenken, was es heißt, ein gutes Leben zu führen, und eine öffentliche Kultur zu schaffen, die mit den unvermeidlich auftretenden Meinungsverschiedenheiten umzugehen weiß“, argumentiert Sandel diese dritte Option, für die er sich stark macht. Gerechtigkeit sei unausweichlich mit Wertungen verbunden. Denn bei Gerechtigkeit gehe es nicht nur darum, etwas auf die richtige Weise zu verteilen. „Es geht auch darum, wie die Dinge richtig zu bewerten sind.“ (S. 357) S. W.

Sandel, Michael J.: Gerechtigkeit. Wie wir das Richtige tun. Berlin: Ullstein, 2013. 413 S., € 21,99 [D], 22,70 [A], sFr 32,98

ISBN 978-3- 550-08009-8

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