Wider den Akademisierungswahn

Als renommierter Wissenschaftler und Kulturpolitiker, als Autor zahlreicher Publikationen zu den Bereichen Philosophie, Ökonomie und Kunst ist Julian Nida-Rümelin wie kaum ein anderer berufen, sich fundiert und streitbar zugleich mit den vom Zeitgeist diktierten Bedingungen des (Aus-)Bildungswesens in Deutschland auseinanderzusetzen [wobei die Mehrzahl seiner Befunde und Anregungen auch für Österreich Gültigkeit haben].

Im ersten, Grundlagen seines Themas erörternden Teil sucht der Autor die Annahme, dass die Ausbildung als AkademikerIn sicherer und besser bezahlt sei als eine profunde handwerkliche Ausbildung zu entkräften und als bildungsökonomischen Irrtum herauszustellen. Man dürfe keinesfalls generalisieren, warnt der Autor; Akademiker, die ohne Bildungsabschluss bleiben, seien besonders gefährdet, arbeitslos zu werden (vgl. S. 39). Das Verhältnis von Bildung und Beruf (Kapitel 2) sei „spannungsreich, ja teilweise paradox“(S. 48), stelle sich doch die Frage, was zu welchem Zweck an Wissen und Bildung erworben werde, seit jeher ganz unterschiedlich. Im Zentrum aller Bildungsbemühungen sollte Persönlichkeitsbildung stehen, diesem Ziel die Vielfalt der Bildungswege entsprechen, nicht zuletzt auch, um den Entfaltungsmöglichkeiten in einem demokratischen Gemeinwesen bestmöglich zu entsprechen. Allgemeinbildung – so eine der zentralen Thesen des Autors – wird in einer globalisierten, dynamischen und flexiblen Arbeitswelt zu einem entscheidenden Faktor (vgl. S. 72).

Kritik des (Aus-)Bildungssystems

Die beruflichen Ausbildungssysteme seien zu differenziert und zu unflexibel, kritisiert Nida-Rümelin; Kreativität und Innovation hätten hier zu wenig Platz. Entschieden wendet er sich gegen die „zunehmende Ausbildungsabstinenz der Unternehmen“ (S. 106) und plädiert für die Stärkung der Berufsschulen im dualen System. Zentrales Anliegen der Arbeitsmarktpolitik sollte es sein, den Anteil von Hochschulberechtigten, die sich nicht für ein Studium, sondern für eine berufliche Ausbildung entscheiden von derzeit 20 % auf etwa 30 % zu erhöhen und die Studienanfängerquote „von derzeit über 50 % auf ca. ein Drittel pro Jahrgang wie noch im Jahr 2000 zu reduzieren. „Dies täte sowohl der akademischen als auch der beruflichen Bildung gut und trüge zur Stabilisierung des akademischen und des nichtakademischen Arbeitsmarktes gleichermaßen bei.“ (S. 128) Gewissermaßen spiegelbildlich wirft Nida-Rümelin auch einen Blick auf die Misere der akademischen Ausbildung. Ausgehend von einem Lob der Humboldt’schen Universität und einem Blick auf die von der OECD propagierten Bildungsstandards wird das Scheitern des Bologna-Prozesses konstatiert und für eine Vielfalt der Wissenskulturen geworben. „Die sonst gerne eingeforderte Diversität, die Förderung von Vielfalt, getragen von einer Kultur gleicher Anerkennung und gleichen Respekts, gilt auch in der Bildungspolitik. Kulturelle Traditionen, ökonomische Bedingungen, biografische Muster, die Verteilung der Verantwortung auf unterschiedliche Bildungsträger differenzieren weltweit erheblich, der aufgebaute Homogenisierungsdruck droht diese Form der Diversität zu beschädigen und damit kulturelle Identitäten, aber auch ökonomische Erfolgsfaktoren in den einzelnen Ländern in Mitleidenschaft zu ziehen.“ (S. 223) Walter Spielmann        

  Nida-Rümelin, Julian: Der Akademisierungswahn. Zur Krise beruflicher und akademischer Bildung. Hamburg: edition Körber-Stiftung, 2014. 253 S. € 16 [D], 16,50 [A] ; ISBN 978-3-89684-161-2

 

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