Weltethos für Weltpolitik und Weltwirtschaft

Groß war das Echo, als Hans Küng 1990 sein “Projekt Weltethos” der Öffentlichkeit vorstellte. Das Buch wurde zum Bestseller und mittlerweile in zehn Sprachen übersetzt. Es folgten die Gründung der “Stiftung Weltethos” sowie 1993 eine entsprechende Erklärung des Parlaments der Weltreligionen, das unter Beteiligung von 6.500 Menschen in Chicago tagte. In seinem neuen Buch wendet sich Küng nun der praktischen Umsetzung des Weltethos für Weltpolitik und Weltwirtschaft zu. Keine philosophische Abhandlung legt der Theologe und Vertreter einer Weltökumene hier vor, vielmehr lesen sich die Ausführungen als Kommentare zurzeit sowie als ethischer Ratgeber für Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Küng kritisiert den Glaubwürdigkeitsverlust der Politik und die Auswüchse der Weltwirtschaft (ohne die Globalisierung zur Gänze zu verurteilen) ebenso wie den religiösen Fundamentalismus und seinen Gegenpart, den “postmodernen Beliebigkeitspluralismus”. Er vermerkt Versäumnisse der internationalen Staatengemeinschaft in der Menschenrechtspolitik (etwa im Jugoslawienkrieg oder gegenüber China) und sucht nach einem dritten Weg zwischen schwedischem Wohlfahrtsstaat und “Marktwirtschaft pur”. Ernst nimmt der Theologe Samuel Huntingtons ”clash of Civilizations”, dessen Thesen er einer kritischen Würdigung unterzieht. und denen er die Aufgabe der Weltreligionen für den Weltfrieden gegenüberstellt. Er befürwortet Bestrebungen für eine Weltordnungspolitik wie jene der Commission on Globale Governance, ist diese ihm doch Bestätigung seiner eigenen Bemühungen. Die Ausführungen laufen jeweils auf den Schluß zu, daß Rechte ohne Pflichten ebenso wie Gesetze ohne Moral wirkungslos seien, Politik wie Wirtschaft also nicht ohne Ethos, vielleicht auch nicht ohne Religion auskommen können. Dabei zählt Küng sich durchaus zu den “Realisten”, wenn er Moral von “Moralismus” oder ”Idealismus” trennt und sich gegen “naive Schwarmgeister” verwehrt. Küng gibt praktische Orientierungen – das ist die Stärke des Buches -, sein “Realismus” verwehrt ihm aber, grundsätzlichere Kritik am westlichen Wohlstandsmodells zu formulieren. So wird etwa unser Leistungs- und Arbeitsethos weiterhin hochgehalten. unser Konsumniveau und Lebensstandard kaum hinterfragt Lebensmodelle etwa eines Franz von Assisi oder Perspektiven einer Befreiungstheologie kommen in Küngs Weltethos nicht vor. Das Bemühen um den Dialog der Weltreligionen ist sehr verdienstvoll, ob ein allgemeiner Appell an   9 ein Weltethos Wirkung zeitigt, bleibt aber fraglich jedenfalls läuft er Gefahr, daß so über die je konkreten Macht- und auch Gewaltstrukturen hinweggesehen wird. H. H.

Küng, Hans: Weltethos für Weltpolitik und Weltwirtschaft. Piper: München 1997. 397 S., DM 39,80 / sFr  37,- / öS 291

 

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