Watzlawick – sein Ansatz der paradoxen Intervention

“Der unter den dauernden Selbstmorddrohungen seiner Frau stehende Ehemann wird ihr und damit der Ehe wirksamer dadurch helfen, wenn er sachlich und in allen Einzelheiten sich nach ihren Wünschen für ihr Begräbnis erkundigt, als wenn er ihre Depression durch seine Panik erhöht.” Dies ist nur ein Beispiel für Watzlawicks Ansatz der paradoxen Intervention. Für Watzlawick haftet brauchbaren Verfahrensweisen immer etwas ”Verblüffendes oder geradezu Unannehmbares” an.

Der Autor versucht das Verständnis für die Beeinflussung menschlicher Beziehungen durch neue Ausblicke auf das Wesen der uns umgebenden Wirklichkeit zu wecken. Ausgehend vom systemischen Modell werden die Behandlung der Depression, aber auch hypnotherapeutische Ansätze beschrieben. Bewußt arbeitet Watzlawick die Unterschiede zur klassischen Therapie heraus.

Der Sammelband enthält zum Teil auch ältere Aufsätze über Denkmodelle von Bateson, v. Foerster, Jackson und Erickson. Nicht zuletzt geht es um die Realität von “Lebensstilen”, die für alternative Möglichkeiten blind machen. Für Watzlawick gibt es nichts Mörderischeres und Despotischeres als den Wahn einer ”wirklichen” Wirklichkeit. Das Wesen menschlicher Reife und die daraus folgende Toleranz für andere dürfte die Fähigkeit sein, mit relativen Wahrheiten und dem Wissen, nichts zu wissen, zu leben und diese paradoxe Ungewißheit der Existenz zu ertragen. Daher müssen wir uns unsere Wirklichkeiten immer aufs Neue erfinden. So gesehen ist das Szenarium-Denken eine Art praktischer Anwendung des Konstruktivismus, indem sich durch das bewußte Entwerfen konkrete Entscheidungen ableiten lassen. Schließlich lehrt uns das Problem der Rückbezüglichkeit, “daß die Welt weder einen Sinn noch keinen Sinn hat”. Deshalb helfen uns nur neue, unkonventionelle Lösungen – etwa die eines Münchhausen, der im Morast versinkt und sich an den eigenen Haaren wieder herauszieht.

Die hier enthaltenen Aufsätze geben nur einen groben Überblick über das Schaffen Watzlawicks. Nach seinen populärwissenschaftlichen Bestsellern orientiert sich dieser lesenswerte Band wieder stärker am psychologischen Schaffen des Autors. Wer sich näher über den Konstruktivismus informieren möchte, dem empfehlen wir:
(1) Watzlawick, Paul u.a.: Menschliche Kommunikation. Formen, Störungen, Paradoxien. 7. Aufl. Bern (u.a.): Huber, 1985. 271 S.
(2) Die Möglichkeit des Andersseins. Zur Technik der therapeutischen Kommunikation. Bern (u.a.): Huber, 1986. 131 S.
(3) Lösungen. Zur Theorie und Praxis menschlichen Wandels. 4. Aufl. Bern (u.a.): Huber, 1988. 198 S. In diesem Band befassen sich die Autoren in Weiterentwicklung von “Menschliche Kommunikation … ” mit der Frage, wie Lebensprobleme entstehen und wie einige überraschend gelöst werden können, während andere sich im Laufe der versuchten Lösung bis zur Unlösbarkeit komplizieren.

Watzlawick, Paul: Münchhausens Zopf oder: Psychotherapie und “Wirklichkeit”. Aufsätze und Vorträge über menschliche Probleme in systemisch-konstruktivistischer Sicht. Bern (u.a.): Huber, 1988. 208 S. DM 29,80 / sfr 25,30 / öS 232,40

 

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