Walter Spielmann: Solidarität in Freiheit wagen

Editorial aus der ProZukunft-Ausgabe 2/1997

Nachhaltig verdüstern die länger werdenden Schatten der Moderne, so scheint es, die Problemlösungskapazitäten institutioneller Entscheidungsträger. Die Trias von Politik, Wirtschaft und Verwaltung gefällt sich überwiegend in wechselseitiger Schuldzuweisung, hält – wohl auch wider besseres Wissen – an der Verteidigung von Besitzständen fest und übt sich in der (selbstbeltrügerischen Verkündigung falscher Erwartungen sowie offensichtlich untauglicher Rezepturen, um den zunehmend drastisch werdenden Begleiterscheinungen der „Risikogesellschaft” zu begegnen. Ulrich Beck, dem dieser Begriff, darüber hinaus aber vor allem die prägnante und zu produktiver Kontroverse Anlass gebende Analyse der Industriegesellschaft zu danken ist, (1) hat nicht nur Bruchstellen und Verwerfungen individueller wie auch kollektiver Zukunftsgestaltung deutlich gemacht, sondern immer wieder Erneuerungspotentiale der “reflexiven Modernisierung” zur Diskussion gestellt. Dass diese “eher unreflektiert, ungewollt, eben mit der Kraft verdeckter (verdeckt gehaltener) ‚Nebenfolgen’“ vonstattengeht, ändert nichts daran, dass in einer “zweiten Moderne” (U. Beck) neue Möglichkeiten des individuellen wie auch kollektiven Lebensentwurfs zur Diskussion. gestellt erprobt korrigiert oder auch verworfen werden sollten. Vor der vielleicht gar nicht allzu fernen Hypothek der “Ein-Fünftel-Gesellschaft” schon heute ist in Deutschland jeder achte Erwerbsfähige ohne (bezahlte) Arbeit, und ein Ende der Entkoppelung von Erwerbstätigkeit und Wertschöpfung (v.a. aus Kapitaltransaktionen) nicht abzusehen – sind neue Balancen im Sozialgefüge ebenso dringlich wie eine Neujustierung von Erwerbs- und Eigenarbeit. Zu den Vordenkern und Wegbereitern einer in persönlicher Freiheit gestalteten Solidarität die insbesondere auf den Ausbau gemeinnütziger Tätigkeit gründet, zählen u. a. die US-Amerikaner Jeremy Rifkin und der aus Sachsen stammende Philosoph Frithjof Bergmann (vgl. Nr. 297), der etwa für eine Dreiteilung der Arbeit (2 Tage regulär bezahlt, zwei Tage Selbstversorgung auf hohem technischen Niveau und zwei Tage Tätigkeit nach persönlichem Gutdünken) eintritt. Dass fortschreitende Individualisierung wie oft zu vernehmen – nicht (notwendigerweise) Hedonismus pur bedeutet, sondern – ganz im Gegenteil – Voraussetzung für ein gelingendes Leben in Beziehungen darstellt wird in mehreren Beiträgen dieser Ausgabe thematisiert. So fordert Klaus M. Meyer-Abich dazu auf, sich im Rekurs auf die abendländische Geistesgeschichte “dem Mitsein” gegenüber Natur und Mitmenschen zu öffnen, und plädiert Thea Bauriedl – wohl auch in ihrem Vortrag aus Anlass der „Robert-Jungk-Memorial-Lecture 1997″ – für die Entwicklung und Respektierung von Grenzen. Nur so nämlich sei es möglich, selbstbestimmt und zugleich offen für das Gegenüber zu sein. Vielleicht noch ermutigender ist die Tatsache, dass auch im deutschsprachigen Raum immer mehr Menschen konkret bereit sind, sich an “sozialen Baustellen” (Heiner Keupp) der “zweiten Moderne” etwa durch das Engagement in Freiwilligen-Agenturen und anderen Projekten geldlosen Ressourcentauschs zu beteiligen (vgl. Nr. 202 u. 244). Zudem sind immerhin 38% der Deutschen grundsätzlich damit einverstanden – so das Ergebnis einer repräsentativen Umfrage -, sich freiwillig für die Gemeinschaft zu engagieren. Die Erfahrung, Subjekt des eigenen Handelns zu sein und dabei nicht nur anderen, sondern auch sich selbst zu helfen, ist Teil der durch Solidarität erbrachten Wertschöpfung, die freilich auch von Staats wegen honoriert und gefördert werden sollte. Das Spektrum der Möglichkeiten ist dabei mit staatsfinanzierter Grundsicherung (vgl. Nr. 158). Steuererleichterung oder Berücksichtigung bei der Altenversorgung gewiss nicht ausgeschöpft und könnte auch durch eine Umverteilung der Erwerbsarbeitszeit neue Anreize erfahren. Als Österreichs Bundeskanzler kürzlich den Vorschlag unterbreitete, den Zugang zum regulären Arbeitsmarkt durch freiwillige Arbeitszeitverkürzung ohne Lohnausgleich zu erleichtern, war freilich so gut wie keine positive Resonanz vernehmbar. Es sollte dies kein Grund sein, sich auf dem langen, mühevollen, von Irritationen und Rückschlägen begleiteten Weg in die “zweite Moderne” entmutigen zu lassen. Vielmehr wird es darauf ankommen, die “bestehenden Institutionen (einschließlich der eigenen Verhaltensgewohnheiten in der Privatsphäre) mit prinzipiellen Alternativen zu umzingeln und zu belagern. (…) [Gefordert seien], so nochmals Ulrich Beck, soziale Erfindungen und der kollektive Mut zu politischen Experimenten – also Bereitschaften und Qualitäten, die nicht gerade häufig anzutreffen, vielleicht gar nicht mehrheitsfähig sind …” Walter Spielmann

(1) dazu U. Beck; A. Giddens; Scott Lash: Reflexive Modernisierung. Eine Kontroverse. Frankfurt/M.: Suhrkamp, 1996. 364 S. (edition suhkamp; 1705)

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