Von Erdbeeren, Wirtschaftsgipfeln und anderen Zumutungen des 21. Jahrhunderts

Der Kanadier Saul, laut Klappentext „first gentlemen“ der Generalgouverneurin von Kanada, erlangte mit dem Buch „Der Markt frisst seine Kinder“, in dem er die herrschenden Marktmechanismen kulinarisch aufbereitete, Kultstatus. Im vorliegenden Buch riskiert er es, der Schwellenangst vor dem 21. Jahrhundert mit geschliffenen Kommentaren entgegenzutreten, bewaffnet mit den Instrumenten, die schon u. a. Plato, Diderot und Voltaire als Aufklärer einsetzten – philosophischer Ernst gepaart mit Humor und Pfiffigkeit. Es gehört schon eine Portion Überwindung dazu, nicht von „A“ () bis „Z“ („Zynismus“) frisch drauflos zu zitieren. Die aktuellen staatlichen Spardiktate im Nacken, erweisen sich etwa die siebzehn Punkte zum Stichwort „Staatsschulden, zu hohe“ (S. 291ff) zumindest als Trostpflaster.

Zwar fehlt es offensichtlich heute an mutigen Politikern wie Solon einer war, der im antiken Athen die Grundlagen zu Demokratie und Wohlstand durch die Erklärung der völligen Zahlungsunfähigkeit („dem Abschütteln der Lasten“) legte. Erst mit dem Zwang, öffentliches Eigentum an Produktionsmitteln zu privatisieren, gelinge es, Regierungen ‑ nicht nur in der Dritten Welt ‑ in den Griff zu bekommen. Dabei, so argumentiert der Autor treffend, sei Geld ein fiktiver Wert. Nur „kranke Gesellschaften“ seien von dem Goldenen Kalb hypnotisiert und würden es für etwas Konkretes halten. „Seit mehr als zwei Jahrzehnten verlangen alle Regierungen von Wirtschafts- und Finanzexperten immer nur Vorschläge, wie Schulden zurückgezahlt werden können. Niemand hat sie je um Vorschläge gebeten, wie man Schulden nicht zurückzahlt. Niemand hat sie je um Fantasie anstelle vorgefasster Meinungen gebeten.” Die sich dem deregulierten Markt unterworfen haben, dessen zentrales Glaubensdogma John Saul in der „Dreifaltigkeit“ von Wettbewerb, Effizienz und Markt beschreibt um zu dem Schluss zu kommen: „Du sollst das Selbstbild, das du dir zweieinhalb Jahrtausende lang gemacht hast, fallen lassen.“

Der Autor vertraut jedoch darauf, „dass die meisten Menschen weiter um eine menschenwürdige Zukunft kämpfen. Wenn sie schon etwas über Bord werfen müssen, dann vermutlich die Wirtschaftswissenschaftler“. (S. 85)

Ein überaus empfehlenswertes Buch, das uns zwar nicht von den Albträumen eines „Schönen neuen Welt(marktes)“ befreit, ihnen aber Wunschträume vom “Menschlich  ‑ Allzumenschlichen” entgegensetzt. M. Rei.

Saul, John R.: Von Erdbeeren, Wirtschaftsgipfeln und anderen Zumutungen des 21. Jahrhunderts. Frankfurt: Campus, 2000, 354 S., DM 39,80 / sFr 38,80 / öS 291,-

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