Von der Zukunft ohne Arbeit zur Arbeit mit Zukunft

Droht uns, wie vielerorts prophezeit, das Ende der Arbeit? Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Allein zwischen 1991 und 1996 sind in der Industrie 2,5 Mio. Arbeitsplätze verschwunden, diesem Tatbestand stehen 1,5 Mio. neue Arbeitsstellen im Dienstleistungsbereich gegenüber. Vom Ende des Normalarbeitsverhältnisses (3.8 Mio. Beschäftigte in Deutschland haben lediglich eine befristete Anstellung) ist ebenso die Rede wie vom Ende der Vollbeschäftigung. “Jeder neunte Europäer ist ohne Arbeit in Spanien ist es gar jeder fünfte Bürger.” In Deutschland hat die Arbeitslosigkeit 1998 den höchsten Stand nach Kriegsende erreicht. Es muß also ernsthaft – und das wissen wir nicht erst seit gestern – nach neuen Beschäftigungsformen zur Existenzsicherung und Lebenserfüllung Ausschau gehalten werden.

Der Freizeit- und Trendforscher Horst W. Opaschowski tut dies gleichermaßen umfaßend wie unbequem, beginnend mit einer Problemanalyse, einer Neubewertung von Erwerbsarbeit sowie einem Plädoyer für die Aufwertung des Leistungsbegriffs. Grundlage seiner Analyse ist eine Repräsentativbefragung aus dem Jahr 1996 von 3.000 Personen in Deutschland, durchgeführt vom BAT-Freizeit-Forschungsinstitut (Hamburg), dem Opaschowski vorsteht. Demnach erwartete die Bevölkerung von der Politik günstige Rahmenbedingungen für ausländische Investoren, den Abbau von Überstunden (derzeit in Deutschland 1,8 Mia.) zugunsten neuer Arbeitsplätze sowie eine spürbare Senkung der Lohnnebenkosten.

Opaschowski geht es in Folge um gangbare Alternativen für das 21. Jahrhundert: Die Arbeitswelten der Zukunft werden zwischen Erwerbstätigkeit und Gemeinnützigkeit (Familien- und Gesellschaftsleistungen) pendeln. “Wenn in Zukunft die Mehrheit der Bevölkerung noch nicht nicht mehr oder nie mehr im Erwerbsprozeß, kann auch Erwerbs-Arbeit nicht mehr alleiniger Lebenssinn oder Lebensinhalt sein.” (S. 58) Dann aber muß Gemeinnützigkeit durch ein Grundeinkommen (Bürgergeld, Sozialdividende, negative Einkommenssteuer) gewährleistet werden.

Der Leistungsgesellschaft geht zwar, so Opaschowski, die Arbeit aus, nicht aber die Lust am Tätigsein in Form von Eigenleistungen jenseits des Erwerbs. Darüber hinaus sieht der Autor neue Arbeitsformen, insbesondere im Bereich der ”Spaß-, Sinn- oder Zeit-Arbeit”. Hinzu kommt die “Lern-Arbeit” im Sinne von Lernen als lebensbegleitender Prozeß. Auch sei eine neue, „freiwillige Profession mit Ernstcharakter” zu schaffen, eine Art Zweitkarriere jenseits des Gelderwerbs – ein sogenanntes “soziales Volontariat” (S. 96). Schließlich bringt Opaschowski noch die Idee für neue Berufe wie Vorleser, Geschichtenerzähler, Wochenendplaner, FamiIienfesteveranstaIter, Hobbyberater, Lern-Animateure, Kontakt-Vermittler, Aggressions-Trainer u.v. a. m. ins Spiel.
A. A. 

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