Von der möglichen Souveränität des Alter(n)s

gronemeyerVon der vielfach beschworenen „Würde des Alters“ hält Reimer Gronemeyer nicht allzu viel. „Ich habe den Verdacht“, so der Religionswissenschaftler und Soziologe zu Beginn eines der besten Bücher, die es m. E. gegenwärtig zum Thema in deutscher Sprache gibt, dass es sich dabei um eine „Abschiedsformel unserer Leistungsgesellschaft handelt, die sich bei dem Versuch, die Alten unschädlich zu machen, ins Fäustchen lacht. (…) ‚Geh und altere in Würde!‘, sagt man jenen, von denen man in Wirklichkeit nichts mehr erwartet. Altern in Würde: damit ist man schon fast in der Friedhofskapelle.“ (S. 16) Mit „55+“ wäre demnach alles schon vorbei? Keineswegs, meint Gronemeyer und wirbt vehement für die Entdeckung der Souveränität im Alter. „Befreit von der Galeere der Selbstverwirklichung“ (S. 22) biete das Alter „die Möglichkeit zur Flucht aus der Oberflächlichkeit“ (S. 24). Mehr noch: Den materiell bestens Versorgten stünde es gut an, „den Neoliberalismus in die Tonne zu treten und die Leistungsgesellschaft mit grauer, aber kraftvoller Gelassenheit zu besetzen“, postuliert der Autor durchaus streitbar. Postjuvenales Wunschdenken eines in die Jahre gekommenen „68-ers“? So einfach sollte man es sich nicht machen. Nicht zuletzt haben die älteren Semester politische Gestaltungsmacht, argumentiert Gronemeyer: Mit 20,1 Billionen Dollar – so OECD-Daten für das Jahr 2011 –  verfügten die heute über 65-Jährigen über 70 % des jährlichen Bruttoinlandsproduktes aller OECD Mitglieder und sind somit tatsächlich „mächtige Spieler“ auf den Finanzmärkten (S. 38). Die Generation der Babyboomer beschreibt Gronemeyer andererseits als „verarmte Generation”: befreit von tradiertem Wissen, von Religion und einer großen Familie sind sie „zuständig nur für sich selbst”. „Verantwortung – die taucht in ihrem Horizont auf, wenn sie Kinder haben und unbedingt eine Haftpflichtversicherung abgeschlossen werden muss.“ (S. 65). Dennoch: Gronemeyer setzt auf jene, „die im Alter eine Chance zum Aufbruch aus dem Gewohnten sehen. Jene, die fühlen, dass das Du, dass der Nächste, dass der soziale Klebstoff, dass das Geschick der nachkommenden Generationen und nicht nur das Eigene wichtig ist.“ (S. 71f.) Dem Autor bei seinen weiteren Überlegungen zu folgen (etwa zur zunehmenden Medikamentisierung, zur Rolle einer versorgenden Technologie, zu einem möglichen intergenerationellen Konflikt oder zur Rolle der Religionen, sei nachdrücklich empfohlen.

Gronemeyer, Reimer: Altwerden ist das Schönste und Dümmste, was einem passieren kann. Hamburg: ed. Körber-Stiftung, 2014. 210 S., € 18,- [D], 18,50 [A]
ISBN 978-3-89684-160-5

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