Vom Landfrust zur Stadtlust

stadtlust Die Quellen urbaner LebensqualitätZur Mitte dieses Jahrhunderts werden zwei Drittel der dann mehr als 9 Milliarden Menschen in Städten wohnen. Die Zukunft der Erde wird also vor allem in urbanen Ballungsräumen gestaltet und entschieden. Mit den ökologischen, sozialen und kulturellen und auch wirtschaftlichen Herausforderungen und Chancen, die mit dieser Entwicklung verbunden sind, beschäftigen sich die AutorInnen des Bandes „Stadtlust“. Den Anfang macht die Berliner Städteplanerin Sally Bellow, die vor allem für Menschen mit guter Bildung, Kreativität und Kapital eine Fülle von Möglichkeiten sieht, sich im städtischen Umfeld neu zu erfinden, und gemeinsam „neue Bündnisse gegen Schrumpfung und Untergang“ zu schließen. Neben dem Trend zum Selbermachen und zum (kollektiv genutzten) Kleingarten gebe es aber auch viele, die im immer lauteren und hektischeren Treiben der Metropolen unter die Räder kommen. Vor allem hier hätten Kommunen soziale Aufgaben wahrzunehmen, betont Bellow.

Das einleitende Kapitel „Umbau-Kultur“ eröffnen Klaus Burmeister und Ben Rodenhäuser, indem sie, beide interdisziplinär versierte Zukunftsforscher (s. o.), Herausforderungen und Lösungsansätze der Stadtentwicklung in globaler Perspektive thematisieren. Der Flächenverbrauch urbaner Regionen, so die absehbare Entwicklung, nimmt dramatisch zu; 80 Prozent der globalen Wirtschaftsleistung wird schon jetzt in Stadtregionen erwirtschaftet. Um dieser Entwicklung angemessen zu begegnen, müsse vor allem der Infrastrukturausbau forciert werden. Notwendig sei zudem die Entwicklung einer „Urban Governance“, aber auch die Schaffung „DIN-freier Räume“. Mit Blick auf die demographische Entwicklung Deutschlands empfiehlt im Folgenden Petra Klug eine differenzierende Sichtweise. Mit innovativen sozialen Angeboten (rollende Supermärkte, Telemedizin) wäre, wie sie betont, der zunehmenden Alterung ein Stück begegnet. Steffen Braun wirbt leidenschaftlich für „Morgenstadt“, die „Vision der vollkommen klimaverträglichen, liebenswerten und handlungsfähigen Stadt im 21. Jahrhundert“ (S. 44). Würde es beispielsweise gelingen, die Mobilitätsbedürfnisse der BewohnerInnen einer Stadt wie München durch „Robotaxis“ zu bedienen, ließe sich das Pkw-Aufkommen auf etwa 15 Prozent [!, W. Sp.] des heutigen Volumens reduzieren (vgl. S. 43). Johannes Novy plädiert in seinem Beitrag über das vor allem in Berlin forcierte Konzept einer ‚Smart City‘ für „eine offene Debatte, die auch die Perspektiven und Position derer berücksichtigt, für die die digitale Verheißung der Smart City bislang eher Albtraum als Wunschtraum ist“ (S. 52).

Im folgenden Abschnitt, „Haus-Aufgaben“ überschrieben, wirbt Harris C. M. Tiddens dafür, Stadtteile mit autonomen Budgets auszustatten, um ihnen zu ermöglichen sich an einander zu messen und verstärkt zusammenzuarbeiten (S. 54ff.). Die Verkehrsexperten Weert Canzler und Andreas Knie heben einmal mehr die Vorzüge einer nachhaltigen Verkehrskultur, die das Dogma des privaten Pkws hinter sich lässt, hervor, und Susanne Bierker macht sich für den „semizentralen Strukturansatz“ stark, durch den Wasser, Abwasser und Energie synergetisch und effizient genützt werden kann. [Ein deutsch-chinesisches Pilotprojekt für etwa 12.000 EinwohnerInnen lässt u. a. eine Wasserrecyclingquote von bis zu 100 Prozent erwarten (vgl. 69).] Auf „Außenentwicklung statt Innenverdichtung“ setzt der Geoökologe Stefan Norra. Ihm geht es vor allem darum, „in Hinblick auf die Klimaerwärmung Grünflächen in entsprechender Größe, Anzahl und Verteilung“ in den Städten zu etablieren, um unter anderem „Gesundheit und Wohlbefinden der städtischen Bevölkerung sicherzustellen“ (S. 72).

„Wir-Urbanismus“, das dritte Kapitel, schließlich greift bewährte Konzepte der um sich greifenden „StadtLust“ auf: Ausgehend von der Devise „An Lebensqualität gewinnt, wer teilhat, gestaltet, mitbestimmt“, werden Konzepte – für manche sind es vielleicht urbane Lebensphilosophien – wie „Urban Gardening“, „Suffizientes Wohnen in der Stadt“ (unter Berücksichtigung der ambitionierten Ziele der ‚2000-Watt-Gesellschaft‘) und Alternativen zum Neubau (vgl. Nr. ) vor- und mit guten Argumenten zur Diskussion gestellt. Mit Beiträgen über Ökodörfer und Wohnprojekte sowie über bisher eher nur am Rande beachtete Facetten einer „Wirtschaftsförderung 4.0“ – Tauschringe, Regionalwährungen und Energiegenossenschaften werden unter diesem zukunftsweisenden, innovativen „Label“ beworben –, schließt der Hauptteil dieses rundum empfehlenswerten Bandes.

Im Anhang finden sich 15 „Impulse“: kurz und kompakt beschriebene innovative Projektbeispiele, die jeweils mit Links versehen, zu weitergehender Erkundung und vor allem zur Nachahmung und Weiterentwicklung einladen.    Walter Spielmann

Bei Amazon kaufenStadtLust. Die Quellen urbaner Lebensqualität. Politische Ökologie, September 2015 (33. Jg.). 143 S. 17,95 [D], 18,40 [A] ; ISBN 978-3-86581-755-6

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