Universitäre Ein- und Aussichten

Es ist den Herausgebern und Autoren – unter den 19 Mitwirkenden ist tatsächlich keine Frau vertreten – wohl nicht entgangen, dass der Titel dieses Bandes doppeldeutig verstanden werden kann. Dementsprechend offen, so die Herausgeber zu Ende ihres Vorworts, ist auch die Zukunft der Institution zu beurteilen, denn: „Ob die Universität die Antwort auf die Frage nach ihrer Zukunft sein wird, ist unentschieden“, meinen sie. (S. 10).

Ein überaus breites Themenspektrum tangieren die in drei Abschnitten versammelten Beiträge. Unter dem Titel „Die Bildung der Bildung“ bricht etwa Konstantin J. Sakkas eine Lanze für die Aufwertung der Geisteswissenschaften, die es – ganz gegen den Trend der Universität als Ausbildungsstätte – den Studierenden ermöglichen sollten, „ihr Elitebewusstsein im Geistigen frei von Scheinzwang und Prüfungsterminen zu entwickeln“ (S. 27). Für die „Begegnung mit dem Ich“ als vorrangige Aufgabe der Geisteswissenschaften plädiert Salvatore Lavecchia, der sich anstelle der Evaluation die Förderung der Kreativität als zentrales Bildungsziel wünscht. Für Universitäten als „Lichthöfe des Möglichen“ wirbt Stefan Brotbeck. Er versteht darunter eine „kairologische Bildungskultur, „die uns befähigt, das Richtige zur rechten Zeit zu tun“ (S. 53). Wenngleich es völlig unangemessen wäre davon zu sprechen, dass „früher alles besser war“, wendet sich Jochen Hörisch, den Zusammenhang von Geld und Wissenschaft beleuchtend, unter anderem gegen den an Universitäten blühenden „Drittmittelwahn“, der unter anderem dazu führe, dass „nicht mal den Antragsteller selbst die forschungsadministrativ vorgegebene Fragestellung interessiert“ (S. 85f.).

Vielfach ungenutzte Potenziale

Konrad Paul Liessmann imaginiert zu Beginn des zweiten Abschnitts („Das Versprechen der Universität“) seine Wirkungsstätte idealtypisch – als wäre das nicht eben selbstverständlich! – „… als Stätte der Begegnung, als Erfahrungsraum von Wissenschaft, als Haltung, als Rahmen für die Möglichkeit individueller Bildung“, im besten Sinn des Wortes als „säkulares Kloster, in dem nicht Informationen abgerufen, sondern Texte gelesen werden, in dem nicht Meinungen kundgetan sondern Diskurse und Auseinandersetzungen gepflegt werden …“ (S. 112). Die Universität als „republikanische Idee“ (Martin Seel), als „Ort des längeren, konzentrierten Gedankenspiels“, als „Netz“, das über sich selbst hinausdenkt und wirkt (Birger P. Priddat, S. 154ff.), als Ort, an dem das Fragen kultiviert (E. Kappler) und [der] Geist befreit würde (S. Liebermann/Th. Loer) – das sind einige der hier entwickelten substantiellen Ideen, die uns nahe bringen, worum es eigentlich gehen sollte.

Wie ein für das dritte Jahrtausend adäquates Denken vermittelt und geordnet werden könnte, ist Thema des dritten Abschnitts. Der Literaturwissenschaftler George Steiner (er lehrte u. a. in Genf und Cambridge) wirbt etwa für ein „Kerncurriculum aus Mathematik, Musik, Architektur und Genetik“, Jörn Rüsen für ein „Studium humanum“, welches Studierende über ihre fachspezifischen Kenntnisse hinaus erkennen ließe, „welche Rolle die Wissenschaften in der kulturellen Orientierung unseres gesellschaftlichen Lebens spielen“ (S. 223). Elf Thesen, die einmal mehr dazu einladen, die Aktualität W. Humboldts wieder zu entdecken (Christoph Markschies) und knappe, aber gewichtige Gedanken von Peter Sloterdijk zur „Transformation des Subjekts und seiner Hochschule“–  dem 2009 erschienenen Titel „Du mußt dein Leben ändern“ entnommen – runden diesen überaus lesenswerten Band ab. Walter Spielmann

  Die Aufgabe der Bildung. Aussichten der Universität. Hrsg. v. Philip Kovce u. Birger P. Priddat. Marburg: Metropolis, 2015. 258 S., € 25,50 [D], 26,30 [A] ; ISBN 978-3-7316-1047-2

 

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