Ungerechtigkeit, Gerechtigkeit oder das gute Leben

Was ist das Gute? Diese elementare Frage, mit der sich seit Jahrtausenden die klügsten Denker beschäftigen, wird hier neu diskutiert. Martha C. Nussbaum ist Philosophin, doch im Gegensatz zu den meisten ihrer Berufskollegen verschanzt sie sich nicht im akademischen Elfenbeinturm. Das Gute beschäftigt sie nicht als abstraktes Problem, sondern stets im Hinblick auf die Realität, in der wir leben. Besonders interessiert sie sich dafür, wie der Ungerechtigkeit und Ungleichheit im globalen Maßstab abzuhelfen ist. Konkrete entwicklungspolitische Fragestellungen werden von ihr auf philosophischer Grundlage untersucht. Nussbaum holt dabei weit aus.

Ihr wichtigster Gewährsmann ist Aristoteles. Das mag zunächst überraschen: Ausgerechnet der antike Philosoph, für den Frauen und Sklaven keine vollwertigen Menschen waren, soll mit seiner Ethik dazu beitragen, ein Alphabetisierungsprojekt für Frauen in Bangladesh zu legitimieren? Nussbaum versteht es jedoch, Aristoteles für die Gegenwart zu „retten“, ohne die philosophischen Errungenschaften der Aufklärung preiszugeben. Seine Lehre dient ihr sogar dazu, den heute so modernen neoliberalen Thesen Paroli zu bieten.

Breiten Raum nimmt die kritische Auseinandersetzung mit John Rawls ein, einem führenden Theoretiker des modernen politischen Liberalismus, der den Wertepluralismus und den Individualismus hochhält und es deshalb dem einzelnen anheimstellt, zu entscheiden, was für ihn das Gute bedeutet. Nach Ansicht Nussbaums muß es dagegen sehr wohl allgemeinverbindliche Aussagen über das Gute geben. In strikter Abgrenzung gegenüber relativistischen Positionen, wie sie z. B. auch der französische Poststrukturalismus vertritt, hält sie am Universalismus fest. Denn auch das, was den Menschen zum Menschen macht, ist kulturunabhängig und universal: Dazu zählen z. B. Sterblichkeit, Leiblichkeit, die Fähigkeit, Lust und Schmerz zu empfinden, aber auch Humor und Spiel. Während die Autorin durch ihre Empirienähe zu Kant auf Distanz geht, knüpft sie, besonders, was die Schaffung humaner Arbeitsformen anlangt, an den frühen Marx an, der sich in den „Pariser Manuskripten“ (1844) seinerseits auf Aristoteles bezogen hat.

Wie bei Aristoteles ist auch bei Nussbaum Ethik mit Politik untrennbar verbunden. Wie muß ein Staatswesen gestaltet sein, um den ethischen Prämissen gerecht zu werden? Die Ausführungen der US-amerikanischen Philosophin lesen sich letztlich als Plädoyer für den demokratischen Sozialstaat skandinavischer Prägung – eine mutige Position in einer Zeit, da dieses politische Konzept als Auslaufmodell denunziert wird.

R.L.
Nussbaum, Martha C.: Gerechtigkeit oder das gute Leben. Frankfurt/M.: Suhrkamp-Verl., 1999. 314 S., DM 24,80 / sFr 23,- / öS 181,-

 

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