Umgang mit makrosozialer Unsicherheit

Ob die heutigen Zeiten für Menschen in unseren Breitengraden tatsächlich unsicherer sind als frühere Epochen, bleibt ein heiß diskutiertes Thema. Gegner dieser These weisen auf die bessere medizinische Versorgung, die höhere Lebenserwartung, das Sozialsystem und den immens gestiegenen Lebensstandard hin. Befürworter sprechen von drohenden Gefahren bisher nicht dagewesenen Ausmaßes: der Klimawandel, die weltweite Ausbreitung von Terrorismus, Pandemien oder die nach wie vor existierende Möglichkeit eines katastrophalen Reaktorunfalls.

Die Diskussionen zur Risikogesellschaft und Wissensgesellschaft haben darauf aufmerksam gemacht, dass unsere Form der gesellschaftlichen Organisation zwar darauf angelegt ist, Wissen und Sicherheit zu erzeugen, dabei jedoch systematisch Unsicherheiten und Gefahren produziert werden. Das Bewusstsein um die Komplexität und Unsicherheiten der Welt ist so zu einem markanten Merkmal unserer Zeit geworden. Die Frage, ob sich individuelle Gefahren verlagern oder größere Ausmaße angenommen haben, ist dabei ein wesentlicher Aspekt. Als gesichert kann jedenfalls gelten, dass die gegenwärtige Zeit als besonders unsicher empfunden wird.

Lars Gerhold knüpft an diese Diskussionen an und stellt die individuelle Wahrnehmung von Unsicherheiten in den Mittelpunkt einer sozialwissenschaftlichen Studie: Wie gehen Menschen mit Ereignissen oder Entwicklungen um, von denen sie potenziell betroffen sein können, die sie aber nur sehr begrenzt beeinflussen können? Zum Zeitpunkt der Erhebungen in den Jahren 2004 und 2005 wurden sich ausbreitender Terrorismus, kriegerische Konflikte oder Umweltkatastrophen als beispielhafte Auslöser für diese Art von Unsicherheit genannt.

Das Innovative an der von Lars Gerhold vorgelegten Arbeit ist die mehrperspektivische Herangehensweise. Nach einer Differenzierung der Begriffe Unsicherheit, Risiko und Gefahr nähert sich Gerhold dem Thema, indem er quantitative und qualitative sozialwissenschaftliche Methoden zum Einsatz bringt und die Ergebnisse modellgeleitet analysiert. Hierzu im Folgenden einige Beispiele: Eine explorative Fragebogenstudie brachte folgendes Ergebnis: Themen des sozialen Nahbereichs (Arbeit, Familie) werden bedeutsamer eingestuft als abstraktere und gesellschaftlich produzierte Gefahren. Die Themen des sozialen Nahbereichs werden von den Befragten allerdings zum Teil als Herausforderungen wahrgenommen, die zumindest theoretisch gemeistert werden können. Makro-sozialen Problemen ist nach Ansicht der Befragten dagegen nichts Positives abzugewinnen. Sie werden als stärker belastend und verunsichernd beschrieben, weil im Gegensatz zum sozialen Nahbereich keine persönliche Eingriffsmöglichkeit gesehen wird (S. 225). Der Umstand der mangelnden Kontrolle wird dabei als wesentlich problematischer empfunden als das bei solchen Entwicklungen übliche Informationsdefizit.

 

Wahrnehmung von Unsicherheit

In einem zweiten, qualitativ angelegten Forschungsschritt wurden sieben Personen ausführlich interviewt, um herauszufinden, wie Unsicherheiten wahrgenommen werden und welche individuellen Bewältigungsstrategien entwickelt werden. Hier war ein Ergebnis, dass Menschen, die aufgrund ihrer persönlichen Situation und Einstellung ohnehin Unsicherheiten wahrnehmen, auch für makro-soziale Problemlagen (hier: Terrorismus) empfindsamer sind. Dies widerlegt bspw. die These, dass makrosoziale Unsicherheiten ein „Luxusgut“ sind, um das man sich kümmert, wenn man sonst keine Probleme hat. Weiters wurden Zusammenhänge zwischen dem Bildungsgrad und dem Bewältigungsverhalten deutlich: Wer höhere Qualifikationen und damit über Bewertungskompetenz verfügt, kann unsichere Situationen besser rationalisieren und empfindet diese als weniger belastend (S. 229).

Die Publikation richtet sich an eine wissenschaftlich arbeitende oder wissenschaftlich interessierte Leserschaft, ist dabei aber allgemein verständlich geschrieben. Die Forschungsergebnisse werden mit Hilfe von zahlreichen Grafiken und Tabellen dargestellt; im Anhang enthält das Buch die eingesetzten Erhebungsinstrumente.

Derzeit sind es Themen wie die so genannte „Schweinegrippe“ oder die Wirtschaftskrise, die belegen, dass die ursprünglich als Dissertation entstandene Studie ein sehr aktuelles Thema aufgreift.  Sie gibt auch Hinweise darauf, welche Ressourcen für die individuelle Bewältigung makrosozialer Unsicherheiten hilfreich sind: Bildung und – bei Entwicklungen, bei denen dies realistisch ist – die Fähigkeit zur Mitbestimmung. E. Sch.

Gerhold, Lars: Umgang mit makrosozialer Unsicherheit. Zur individuellen Wahrnehmung und Bewältigung gesellschaftlich-politischer Phänomene. Lengerich: Pabst Science Publishers, 2009. 289 S., € 25,00 [D], 25,75 [A], sFr 43,75

ISBN 9-783-89967-557-3

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