Tristan Garcia schreibt über das “Wir”

Garcia-WirTristan Garcia konstatiert, dass die Setzung eines „Wir“ als jener Akt betrachtet werden kann, der alles Politische konstituiert. Ein „Wir“ kann in seinem Umfang, seiner Zusammensetzung sowie in seinem Verhältnis zur Umwelt bzw. zu anderen Gruppen sehr unterschiedlich verfasst sein. Jedes „Wir“ ist eine Einteilung, die sich mit anderen sozialen „Kreisen“ überschneiden, überlagern und überlappen kann. Soziale Gruppen und Kollektive können die ganze Menschheit, 99 %, die Hälfte davon oder auch nur wenige Personen umfassen. Sie können in Opposition, in Widerspruch, in Solidarität oder auch in Indifferenz zueinander stehen. Das bedeutet: Soziale „Wir“-Einheiten sind „ineinander verschachtelt“ (S. 18).

Daher müssen etwa von Diskriminierung betroffene Personen häufig Prioritäten setzen: Zählt man sich primär zur Gruppe der Frauen oder zum Kreis einer diskriminierten Ethnie? Verfolgt man die Strategie eines Universalismus und macht Differenzen dadurch unsichtbar? Gesteht man unterdrückenden Personen zu, Teil eines größeren „Wir“ zu sein oder ist man gar dazu bereit, Ideen – wie z. B. jene des Universalismus – von den UnterdrückerInnen zu übernehmen? Wie soll mit Differenzen innerhalb eines „Wir“ umgegangen werden? Bezieht sich das „Wir“ auf die Gegenwart oder handelt es sich um ein utopisches „Wir“? Und schließlich: „Was ist nicht ‚wir‘? Was sind wir nicht?“ (S. 46).

Konstituierung sozialer Gruppen als komplexe Angelegenheit

Bereits diese Überlegungen und Fragen zeigen, dass es sich bei der Konstituierung sozialer Gruppen um eine komplexe, meist uneindeutige Angelegenheit handelt. Dennoch sind sie die Grundlage des Politischen; sie ordnen die soziale Welt und geben den Akteuren Orientierung. Auch wenn soziale Gruppen Konstruktionen, das heißt „freie Form[en]“ (S. 128) sind, finden wir im Alltag schon immer Kollektive und damit soziale Differenzen vor. Aber auch diese sind immer schon instabil, prekär, heterogen und werden in der Regel durch „‘Zwischen‘-Entitäten“ (S. 196), Ausnahmen und Einzelfälle „zerschnitten“. Unsere Konstruktionen sind „Annäherungen“; durch die zunehmende gesellschaftliche Differenzierung, durch das ständige „Werden“ des Individuums, erscheint „[d]as Gefüge des Realen […] immer reichhaltiger, und unsere Kategorien wirken immer armseliger“ (S. 197).

Dies stellt uns – so Garcia – vor ein Dilemma: Unsere Kategorien verschwimmen zunehmend und können – streng genommen – nicht mehr begründet werden; um jedoch Gesellschaft verstehen zu können und handlungsfähig zu bleiben, müssen wir uns ihrer weiterhin bedienen. Weder ein vereinzeltes Dasein, noch ein Aufgehen in abstrakten Kategorien ist lebbar. Wir müssen daher versuchen, „politisch zwischen diesen beiden Extremen zu existieren, indem wir zugleich der absoluten Singularität und der universellen Gemeinschaft widerstehen“ (S. 201).  

Zwei idealtypische Strategien

In Bezug auf das „Wir“ haben sich laut Garcia – historisch sowie theoretisch betrachtet – zwei idealtypische politische Strategien herauskristallisiert. Zum einen gibt es eine „idealistische“ Position, worunter u. a. religiöse Verheißung und kommunistische Utopien fallen. Dieser Standpunkt versucht das „Wir“ immer weiter auszudehnen, sodass letztendlich alle Menschen unter einer (versöhnten) Einheit leben (vgl. S. 203ff.). Demgegenüber stehen die „realistischen“ Ansätze. Diese konstatieren, dass sich Identitäten stets etwas entgegenstellt bzw. dass es immer etwas geben wird, dass ihre Ausdehnung verhindert. Beispielsweise neigen große Kollektive häufig dazu, aufgrund innerer Heterogenität auseinanderbrechen. Geht man des Weiteren davon aus, dass sich ein „Wir“ nur durch ein „Gegenüber“ oder gar durch einen Feind konstituieren kann, kann es ein umfassendes „Wir“ grundsätzlich nicht geben (vgl. S. 219ff.).

Garcia selbst versucht eine dritte Position einzunehmen; denn beide Positionen haben seines Erachtens Recht. Der Autor meint, dass wir „Gefangene“ einer ständigen Pendelbewegung sind; Gruppen changieren immer zwischen Ausdehnung und Zusammenbruch. „In diesem Hin und Her, zu dem die Form des ‚Wir‘ gezwungen ist, lässt sie keine absolute Versöhnung, also kein Ende und auch keine Erstarrung zu.“ (S. 233)

Identität ist mit Herrschaft und Kampf verbunden

Jedes „Wir“ ist durchzogen von Herrschaft. Die Beziehungen zwischen den einzelnen „Wir“ sind asymmetrisch. Darum ist auch jeglicher Versuch der Ausdehnung von Identität mit Herrschaft und Kampf verbunden. Zusätzlich leben wir gegenwärtig in einem Zustand der „Verwirrung“ (S. 268); denn die Positionen und die Verhältnisse zwischen den Gruppen gleichen einem „Schlachtfeld“ (S. 260); es gibt kein eindeutiges „Unten“ und „Oben“ mehr; unsere GegnerInnen bleiben häufig „nebulos“. Es herrscht ein Kampf um Hegemonie, um Deutungsmacht. „Im Durcheinander ist nur noch der Kampf selbst klar, die Lager dagegen sind es nicht mehr. Es geht um Besonderheit gegen Besonderheit, Identität gegen Identität, eine Lebensform gegen eine andere, unser ‚Wir‘ gegen das ihrige.“ (S. 272)

Welchen Ausweg zeigt uns der Autor aus diesem offensichtlich tristen Dasein? Keinen! Er versichert lediglich, dass auf eine Phase des Kampfes auch wieder eine Zeit der Versöhnung kommen wird. Gewonnen haben wir durch Garcia eine  interessante Sichtweise des „Politischen“ und immerhin die Einsicht, dass sich unser Leben als ein ewiger Pendelschlag darstellt.

 Von Dominik Gruber

Garcia, Tristan: Wir. Berlin: Suhrkamp: 2018. 332 S., € 28,00 [D], € 28,80 [A]

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