Tagebuch einer Flucht

Nach der eben unternommenen philosophischen Reise geht es nun um eine reale Reise, die nicht minder eindrücklich die Praxis der europäischen Asylpolitik und das Leid der Afrikaner auf ihrem Weg nach Europa veranschaulicht.

Als es 2005 Hunderte Migranten wagten, organisiert die Grenzzäune der spanischen Enklaven Melilla und Ceuta zu stürmen, starben 16 Menschen. Dieses Ereignis war Anlass für Miriam Faßbender, den Dokumentarfilm „Fremd“ über zwei junge Männer auf ihrem Weg nach Europa zu drehen. In diesem „Tagebuch einer Flucht“ hat die Filmemacherin nun die Erlebnisse niedergeschrieben und damit stellvertretend jenen eine Stimme verliehen, die sonst nicht gehört werden. Entstanden ist ein berührender Einblick in den zermürbenden Alltag von Migranten auf dem gefährlichen Weg nach Europa.

Am Beispiel der zwei Protagonisten – Mohamed und Jerry – erzählt die Autorin, was sie bewogen hat zu fliehen, wie sie unterwegs leben und was sie von ihrer Zukunft erwarten. Die Reise der beiden auf der Suche nach einer besseren Zukunft beginnt in Mali (Gao) und führt über 2850 km nach Europa und wieder zurück. Berichtet wird von misslungenen Bootsüberfahrten oder „Geschichten über Marokkaner und Algerier, die hilflose Subsaharier barfuß im Grenzgebiet zwischen den beiden Ländern hin- und herschieben“ (S. 139). Faßbender beschreibt auch, wie es ihr an diesen Orten erging, an denen die Flüchtlinge teilweise jahrelang festsaßen – gefangen in der Warteschleife vor Europa.

Die Autorin hadert nicht nur mit der europäischen Asylpolitik der Abschottung und ihren Folgen für die Schutzsuchenden, sondern vor allem mit der Gefälligkeit der Europäer, die ihren Wohlstand nicht zu schätzen wüssten. Sie wünscht sich deshalb eine Politik, die die Flüchtlinge ernst nimmt: „Die ihnen den Schutzraum bietet, der ihnen als Hilfesuchenden, auch aus Gründer der Armut, gebührt.“ (S. 10)

Im Endeffekt schaffte es nur einer der zwei Hauptfiguren in Europa anzukommen, der andere versucht sein Glück nach zweimaliger „Rückschiebung“ in seinem Heimatland Mali. Er lebt seither als Busfahrer in Gao, dem Ort, wo ihn die Autorin kennenlernte, dem Ort, den aus dem Libyenkrieg heimkehrende islamische Dschihadisten zu ihrem Rückzugsort gemacht haben, bevor die EU unter Schirmherrschaft der Franzosen im Februar 2013 in Mali intervenierte. Im September 2013 hat die Autorin das letzte Lebenszeichen von Mohamed per Mail erhalten. Alfred Auer

 

Miriam Faßbender: 2850 Kilometer. Mohammed, Jerry und Ich unterwegs in Afrika.
Tagebuch einer Flucht. 310 S., € 16,99 [D], 17,50 [A], sFr
ISBN 978-3-86489-057-4

 

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