Supergau Tschernobyl. Vom Leben mit der Katastrophe

“Ein großer Stern fiel vom Himmel, der wie eine Fackel brannte, und fiel auf den dritten Teil der Flüsse und auf die Wasserquellen. Und der Name des Sternes heißt Wermut … ” (Geheime Offenbarung, Johannes, Kap. 8.10,11). Wer darum weiß, daß Wermut – in der vor dem 26. 4. 1986 der Welt so gut wie unbekannten Region weit verbreitet – auf Russisch “Tschernobylnik” heißt, der wird die apokalyptische Warnung nicht leicht mit einem Achselzucken abtun können. Und wie sehr der bittere Geschmack des Todes das Leben der Menschen um Tschernobyl seit jenem verhängnisvollen Tag begleitet, das war bislang authentisch kaum zu erfahren. Nikolaj Buchowetz, 1947 im Süden Weißrußlands geboren und seit Jahren in Gomel, einer vom Fallout besonders betroffenen Stadt zuhause, gibt mit dem vorliegenden Bericht nicht nur den Blick auf das Elend der Betroffenen frei. Er legt, dabei seine berufliche Existenz und Zukunft gefährdend, zugleich die Finger auf die schwärenden Wunden einer von der Herrschafts- und Gesinnungsstruktur des “Homo sovjeticus ” infizierten Gesellschaft. Passivität, Machtgier und Korruption sind die parasitären Begleiter von Apathie und Siechtum, denen vor allem die Kinder ausgesetzt sind: Waren vor 1986 nach amtlichen Angaben mehr als 70 Prozent gesund, so sind es heute” überhaupt nur noch 5 bis 8 Prozent (…), hunderttausende weißrußische Kinder sind also körperlich und geistig geschädigt”. Das von Buchowetz eingeforderte nationale Programm wird jedoch durch die Leidensgeschichte der jungen Patienten exemplarisch geschildert am Schicksal des kleinen Kost ja – ebenso karikiert wie durch die unglaubliche Ignoranz der Machthabenden, die sich, so Buchowetz, trotz internationaler Rechtsetzung nach wie vor weigern, von der Ukraine oder Rußland Entschädigungen einzufordern. Daß hingegen “falsche Liguidatoren” jenen Helden der ersten Stunden, die sich teils mit bloßen Händen an der tödlichen Glut des Reaktorblocks zu schaffen machten – von den mindestens 600.000 sind 28.000 inzwischen verstorben =, durch Erschleichung falscher Papiere die in Aussicht gestellten Prämien abjagten, ist eine der vielen Facetten dieser Tragödie, die Nikolaj Buchowetz gleichermaßen engagiert und sachlich vermittelt. Ihm ist ein hervorragendes Beispiel mutigen, aufklärerischen Journalismus zu danken, dessen Wirkung auch in der Übersetzung Marion Jerschowas – sie steuert Interviews mit zwei “echten Liquidatoren” bei – voll zum Tragen kommt. Nicht zuletzt ist das Buch ein eindringlicher Aufruf zu Solidarität, Menschlichkeit und Entschlossenheit, den Kampf gegen den atomaren Wahnsinn an allen Fronten unbeirrt weiterzuführen. W So.

Buchowetz, Nikolaj; Jerschowa, Marion: Supergau Tschernobyl. Vom Leben mit der Katastrophe. Graz (u.a.): Styria Verlag, 1996. 157 S.,

 

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