Streit ums Atom

Der Ausstieg aus der Atomenergie in Deutschland ist beschlossene Sache – oder doch nicht? Jedenfalls hat sich die rot-grüne Bundesregierung dem Ausstieg aus der Atomenergie verpflichtet. Frankreich hingegen setzt weiter auf diese Energietechnik und denkt an den Bau weiterer Kraftwerke. In Frankreich stammen 80% des Stroms aus Atomenergie, in den USA liegt diese Zahl bei 17%, weltweit bei 18%. In Deutschland liegt der Anteil mit Ausnahme Bayerns gegenwärtig niedriger als ein Drittel.

Der vorliegende Band versammelt 12 deutsche und französische Autoren, die der Frage nachgehen, warum die beiden Länder so unterschiedlich mit dem Thema Atomenergie umgehen und welche Folgen dies für die Zukunft des europäischen Energiemarktes hat. Die Herausgeber wollen zwar nach eigenen Angaben objektive Informationen jenseits der emotional geführten Diskussion um die Atomenergie beisteuern, zeigen aber bereits in ihrer Einleitung, wie ihre Einschätzung zum Thema ist, wenn Zugunglücke und der Untergang von Fährschiffen sowie Technikkatastrophen in anderen Erdteilen als Maßstab für das Gefährdungspotential der Atomkraftwerke herangezogen werden. Es verwundert deshalb nicht, wenn von ihnen das Gesundheitsrisiko bei Atomkraftwerken mit fadenscheinigen Argumenten für kleiner gehalten wird als bei den meisten anderen Techniken der Stromerzeugung. Man stützt sich dabei auf Studien, die im Auftrag der WHO 1996 von 31.692 frühzeitige Todesfälle infolge der Luftverschmutzung in Frankreich (S. 17) ausgehen. Hingewiesen wird auch auf die hohen Kosten für die Volkswirtschaft und die Umwelt durch den Ausstieg, sie liegen nach Auskunft der Herausgeber in einer Größenordnung von 100 Milliarden Mark.

Trotz dieses eindeutigen Votums der Herausgeber lohnt ein Blick auf die Beiträge, die Fragen nach den Hintergründen und Phänomenen der Atomenergiedebatte in Frankreich und Deutschland beleuchten. Muss etwa Deutschland im Ausstiegsfall französischen Atomstrom importieren, oder steht Frankreich die politische Auseinandersetzung um die Nutzung der Atomenergie noch bevor?

Neben ausgewiesenen „Verharmlosern“ der Atomenergie wie Manfred Rommel (CDU) oder dem Naturwissenschaftler Georges Charpak, der die Atomenergie langfristik für diejenige hält, „die noch die bedeutendsten Ressourcen aufweist und die vor allem die bei weitem größte Sichererheit bietet“ (S. 66), beschäftigen sich andere AutorInnen differenzierter mit den jeweiligen Befindlichkeiten und Einschätzungen hinsichtlich der Qualität von Lebensmitteln, der Technikskepsis, der Wissenschaftskritik sowie des Umgangs mit Ängsten in Frankreich und Deutschland. Insgesamt, so Brigitte Sauzay, stellt die energiepolitische Weichenstellung beider Regierungen kein zwischenstaatliches Problem dar. Auf die Frage, wie es in Zukunft energiepolitisch in Europa weitergehen soll, versucht der Sozialdemokrat Rolf Linkohr ansatzweise eine Antwort, wenn er vor der Energieabhängigkeit warnt und die Bekämpfung des Treibhauseffekts, zu der man sich ohnehin in Kyoto verpflichtet hat, als gemeinsames Ziel deutsch-französischer Anstrengungen vorschlägt. Ihm geht es weniger um den Ausstieg als um „den Einstieg in eine energiesparende Zukunft“ (S. 230). A. A.

Streit ums Atom. Deutsche, Franzosen und die Zukunft der Kernenergie. Hrsg. v. Joachim Grawe … München (u. a.): Piper, 2000. 296 S., DM 36,- / sFr 33,- / öS 263,-

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