Streit um die Gerechtigkeit

Lange bevor die Menschen wissen, was gerecht ist, haben sie einen Sinn dafür, was ungerecht ist. Erst die Wahrnehmung von Ungerechtigkeit eröffnet den Zugang zur Gerechtigkeit. Ob globale Gerechtigkeit, Generationengerechtigkeit, Gemeinwohl oder Chancengleichheit, die Begriffe und Bedeutungen sind vielfältig und kontrovers. Nicht zuletzt deshalb wird über Gerechtigkeit nicht nur viel geredet, sondern auch viel gestritten. Das vorliegende Buch will in dieser Debatte einen Überblick über die Vielfalt von Begriffen, Theorien und Themen geben.

Zunächst geht es schlicht darum, die Empirie zu bemühen und die Bundesbürger zu fragen, was sie denn für gerecht bzw. ungerecht halten. Neben den Unterschieden zwischen West und Ost bilanzieren die Soziologen St. Liebig und B. Lippl „eine steigende Akzeptanz von individualistischen, am marktliberalen Modell orientierten Gerechtigkeitsvorstellungen und im Gegenzug die Abkehr von egalitaristischen Vorstellungen“ (S. 7). Die wachsende Ungleichheit wird offenbar zunehmend für gerecht gehalten. Darüber hinaus sind viele der Meinung, Gerechtigkeit sei sowieso nicht realisierbar.

Im ersten Teil des Bandes wird zunächst über die Veränderungen des Begriffs Gerechtigkeit informiert. Das Konzept der Chancengleichheit steht hier ebenso zur Diskussion wie der Ansatz der Geschlechter-Gerechtigkeit („gender mainstreaming“). Der zweite Abschnitt beschäftigt sich mit dem Verhältnis zwischen dem Richtigen und dem Guten. Der Herausgeber Matthias Möhring-Hesse plädiert dafür, Fragen der Gerechtigkeit nicht auf das schmale Feld universalen und bedingungslosen Sollens zu beschränken. Ein weiterer Aspekt zielt darauf ab, die Theorie des Gemeinwohls wieder zu beleben.

Zahlreiche Autoren bedienen sich in der sozialphilosophischen und –ethischen Debatte auch des Begriffs der Anerkennung. Für Mattias Iser vermittelt dieser einen Eindruck in die Bedingungen autonomen Lebens und in eine so genannte „gute Gesellschaft“. Angesichts von Überlegungen zur Verteilung des gesellschaftlich verfügbaren Reichtums stellt sich auch die Frage, ob Gerechtigkeit nicht global zu betrachten sei. Neben einer geographischen Sichtweise wird Gerechtigkeit hier auch zeitlich, im Sinne des Generationenvertrages in die Zukunft hinein gedacht. Wo Gerechtigkeit unter dem Aspekt der Nachhaltigkeit noch weiter auf Fragen der intergenerationellen Gerechtigkeit mit Blick auf die Verteilung natürlicher Ressourcen geweitet wird, plädiert Konrad Ott für ein Konzept „starker Nachhaltigkeit“, wonach der Naturbestand im Interesse zukünftiger Generationen jedenfalls konstant gehalten werden soll.

Abschließend konstatiert der Herausgeber zusammenfassend, dass viele gute Gründe dafür sprechen, dass Gerechtigkeit mehr mit Gleichheit zu tun hat, als uns die Anti-Egalitaristen weiß machen wollen. Nicht überzeugen kann ihn dabei die Vorstellung, dass Gerechtigkeit größere soziale Ungleichheiten fördert oder zumindest zulässt. Eine Anregung nicht zuletzt, sich mit den eigenen Gerechtigkeitsvorstellungen auseinander zu setzen. A. A.

Streit um die Gerechtigkeit. Themen und Kontroversen im gegenwärtigen Gerechtigkeitsdiskurs. Hrsg. v. Matthias Möhring-Hesse.  Schwalbach/Ts.: Wochenschau-Verl., 2005. 206 S. (Politik und Bildung; 39) € 18,80 [D], 19,40 [A], sFr 32,90

ISBN 3-89974211-7

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