Sozialer Kapitalismus

Manifest gegen einen Gesellschaftsverfall

Collier-Sozialer-KapitalismusTiefe Risse, die den gesellschaftlichen Zusammenhalt bedrohen, ortet der ehemalige Weltbankmitarbeiter Paul Collier. Er widmet sich den Krisen in den Wohlstandsländern, die sich auftuenden Gräben sieht er insbesondere zwischen Gebildeten und Geringqualifizierten sowie zwischen dynamischen Metropolen und schrumpfenden Kleinstädten bzw. ländlichen Gebieten. Die neuen Ängste würden „mit den alten ideologischen Rezepten“ beantwortet, die uns auf die „altbekannte, fruchtlose Auseinandersetzung zwischen Links und Rechts“ zurückwerfen (S. 18). Seine Vorschläge seien dagegen pragmatisch und fußten auf empirischer Analyse, so Collier: „Es geht um nichts Geringeres als die Zukunft eines ethischen, sozialen Kapitalismus: willkommen in der mühsamen Mitte.“ (S. 41).

Der Niedergang der Sozialdemokratie als gesellschaftlich gestaltende Kraft hängt für Collier mit dem sich ausbreitenden „sozialen Paternalismus“ (S. 38) zusammen, doch auch der Liberalismus werde mit seiner „Magie des Marktes“ (S. 39) scheitern. Die Erfolge von Trump oder Le Pen sowie der Brexit hängen für den Autor mit der zunehmenden Kluft zwischen einer kosmopolitisch ausgerichteten Oberschicht und den sozial Abgehängten zusammen, die sich an ihre Nation klammern. Das „Zusammengehörigkeitsgefühl“ (S. 84) sei geschwunden. Collier spricht von einem „Paradoxon moderner Wohlstandsgesellschaften“ (S. 92): Während Politik immer räumlich begrenzt und auf ein Gemeinwesen gerichtet sei, würden sich Menschen vereinzeln. Diese Divergenz mache unsere Gesellschaften „weniger großzügig, weniger vertrauensvoll und weniger kooperativ“ (S. 93) Die „Narrative der Zugehörigkeit“ würden den NationalistInnen überlassen, der „ethische Staat“ versage (S. 100).

Was schlägt Collier nun vor? Aufgabe der Politik „in einer Gesellschaft mit vielfältigen Kulturen und Werten“ sei es, ein „orts- und zweckbasiertes“ Zusammengehörigkeitsgefühl zu schaffen (S. 102f). Zudem brauche es (wieder) ethische Unternehmen, die ihren Zweck nicht allein darin sehen, noch mehr Gewinne zu machen. Eine „stark zersplitterte Aktionärsstruktur“ (S. 113) und das System der Boni-Zahlungen verhinderten zusehends, dass in Unternehmen Verantwortung wahrgenommen wird. Collier schlägt erweiterte Mitspracherechte der Belegschaften sowie der KundInnen in Großkonzernen vor, sogenannte „Gegenseitigkeitsgesellschaften“ (S. 122). Als Vorbild nennt er dabei die „betriebliche Mitbestimmung“ in Deutschland.

Verantwortung müsse aber auch wieder stärker in der Gesellschaft verankert werden – über die „ethische Familie“ (S. 154) und „Selbstverwirklichung durch Dienst an anderen Menschen“ (ebd.). Basierend auf dem Zwiebelmodell gäbe es auf allen Ebenen einer Gesellschaft Verpflichtungen. Schließlich wendet sich Collier einer „ethischen Welt“ zu, die Verpflichtungen gegenüber anderen Gesellschaften ohne Reziprozitätserwartung, aber in „aufgeklärtem Eigeninteresse“ (S. 159) erfordere.

Pragmatische Vorschläge an die Politik

Das Buch endet mit pragmatischen Vorschlägen an die Politik. Fairness bedeute „Verhältnismäßigkeit“ bzw. „Verdienstlichkeit“ (S. 187). Demzufolge müsse das Steuersystem adaptiert werden. Verdeckte „ökonomische Renten“ von Grund- und ImmobilieneigentümerInnen aufgrund von Wertsteigerungen durch öffentlich geschaffene Infrastrukturen müssten an die Allgemeinheit rücküberführt und damit vernachlässigte ländliche Gebiete gefördert werden (S. 198ff.). Zudem sollten regionale Banken geschaffen werden, die vom „vom Erfolg der örtlichen Wirtschaft“ abhängen (S. 204). Wichtig ist Collier auch die Unterstützung überlasteter Familien sowie die Förderung benachteiligter Kinder, da so viele Folgeprobleme unterbunden werden könnten (S. 215ff.).

Kritik übt Collier auch an der eigenen Zunft. Der Freihandel habe in der globalen Arbeitsteilung mehr Nachteile als zugegeben worden sei, Konzerne hätten sich aller Regulierungen entzogen und Migration führe immer zu VerliererInnen in den Einwanderungsländern, zu GewinnerInnen in den Auswanderungsländern nur dann, wenn die MigrantInnen tatsächlich hohe Rücküberweisungen tätigen.

Colliers Buch ist offensichtlich im Kontext der aktuellen Trends zum Rechtspopulismus bzw. der zunehmenden Polarisierungstendenzen in fast allen Wohlstandsländern verfasst worden. Daher insistiert der Autor vehement und wiederholt für die „Erneuerung der Mitte“ durch „informierte Gesellschaften“ und „ethisch erneuerte Organisationen“ (S. 284f.), weil ansonsten der Kapitalismus insgesamt in Gefahr sei.

Von Hans Holzinger

Collier, Paul: Sozialer Kapitalismus. Mein Manifest gegen den Zerfall unserer Gesellschaften. München: Siedler, 2019. 317 S., € 20,- [D], 20,60 [A]

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