Soziale Gelbsucht

Über die Gelbwesten-Bewegung in Frankreich

„Selten wurde ein Geschehnis so systematisch verunglimpft und verleumdet.“ Das schreibt Guillaume Paoli über die Gelbwesten-Bewegung in Frankreich. Die Gilets Jaunes seien pauschal als rechter, antisemitischer, hasserfüllter Mob diffamiert worden. Paoli geht es in seinem neuen Buch darum, „ihrem Versuch gerecht zu werden, […] das Leben in die eigenen Hände zu nehmen.“ (S. 8)

Paoli schreibt, dass sich bei den Protesten „bisher unsichtbare Wesen“ eingefunden hätten, Menschen, die im politischen Prozess keinen Platz mehr zu haben schienen. Es stimme nicht, dass der Protest überwiegend von Männern getragen worden wäre; auch seien entgegen anderer Aussagen Migrantinnen und Migranten vertreten gewesen. Weniger als fünf Prozente der Protestierenden verorteten sich selbst als rechtsstehend (S. 34f.). „Die größte Qualität der Gilets Jaunes bestand von Anfang an darin, nicht in die Falle des Ressentiments gegen Marginalisierte und Migranten zu tappen.“ (S. 37)

Der Autor unternimmt den Versuch, die Bewegung gesellschaftlich zu verorten. „Vom klassischen Standpunkt aus gesehen, stehen die Gilets Jaunes an der Peripherie des Produktionsprozesses.“ (S. 39) Das sei nicht überraschend. In der Wertschöpfungskette sei die materielle Produktion in der Fabrik nicht mehr das zentrale Glied in den westlichen Staaten. An die Stelle einer zentral zusammenarbeitenden Belegschaft tritt eine vielfach differenzierte Kette von Tätigkeiten von Entwicklung, Marketing, Transport, Logistik und anderes. Die Gilets Jaunes seien selber auf die Idee gekommen, dass es nun beim Kampf um soziale Rechte darum gehe, die Warenflüsse zu stoppen, indem man Amazon-Lagerhäuser, Großmärke und Öl-Depots blockiert. „Durch solche Aktionen können versprengte Ausgebeutete eine kollektive Kraft entwickeln.“ (S. 41)

Seit seinem Buch Die lange Nacht der Metamorphose ist der Autor als Kritiker der Identitätspolitik bekannt. „Im Namen der Diversity, so das Argument, sondere sich eine selbstgezogene, linke Minderheit von den Belangen der breiten Bevölkerung ab. Vor lauter Sorge um moralische Reinheit und Anerkennung minoritärer Lifestyles bleibt die fundamentale Ungleichheit kapitalistischer Verhältnisse unangefochten.“ (S. 72) Die Geldwesten hätten sich gegenüber diesen Diskursen „wie der Elefant im Porzellanladen“ aufgeführt.

Von Stefan Wally

Guillaume Paoli: Soziale Gelbsucht. Matthes & Seitz Verlag, Berlin 2019; 161 S.

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