Solidarität. Option für die Modernisierungsverlierer

Kontext und Bedeutung von Solidarität sind im Wandel begriffen. Galt sie früher als “linkes Vokabular”, so ist sie heute mehr und mehr eine pragmatische Unabwendbarkeit. Ohne Solidarität im Rahmen sozialstaatlicher Ordnung wird es keine Zukunft in Gerechtigkeit und damit in Frieden und Freiheit geben. Beide, Individuum und Staat, befinden sich zunehmend in einer normativen und finanziellen Krise. Die Mikrosolidarität in der direkten Umgebung wie Familie und Freundeskreis erfreut sich noch einer gewissen Akzeptanz, aber die praktisch gelebte Solidarität wird zunehmend den “privaten Hilfsnetzen” überlassen. Gesellschaftliche Solidarität wird geringgeschätzt und weitestgehend dem Staat überlassen, der aufgrund veränderter Voraussetzungen (z, B. Umkehrung der Alterspyramide) vieles nicht mehr leisten kann. Zudem sind soziale Institutionen wie Parteien etc. in ein Orientierungsdilemma geraten: Das Bemühen um gesellschaftliche Solidarität und Machterhaltung sind zunehmend weniger in Einklang zu bringen. Vor diesem Hintergrund geht es den Autoren aus ihrem jeweils spezifischen Blickwinkel darum, Wege aus der faktischen Solidaritätsverweigerung breiter Bevölkerungskreise aufzuzeigen. Zunächst werden die solidarisch-handelnden Ressourcen Österreich zusammengefaßt. Wo ist Bereitschaft zu caritativem Handeln, zu sozialen Aktivitäten? Es ist zu beobachten, daß dabei die religiöse Einstellung, die Nähe zu christlichen Religionsgemeinschaften eine wichtige Rolle spielt. Aber auch ”Postmaterialisten” zeigen Bereitschaft zum Helfen. Zwar sind sie im engeren Sinne nicht religiös, doch haben sie oft ausgeprägte Wertvorstellungen, sind vielfach antiautoritär geprägt und vergleichsweise wenig auf den persönlichen Vorteil bedacht. Somit könnten (und sollten) sich neue Bündnisse der solidarisch Aktiven bis in die Politik ergeben: Christen, die die Nächstenliebe ernst nehmen und nicht gleich betonen, daß diese nicht grenzenlos sei, arbeiten etwa mit Sozialisten zusammen, denen internationale, gewerkschaftliche Solidarität über den nächsten Wahltermin hinaus am Herzen liegt; aber auch querdenkende Frauen und Umweltbewegte könnten Allianzen der Solidarität bilden, auch um gemeinsame stärker in den Blick zu rücken … Zwar gibt es immer wieder auch punktuelles Aufflackern von Solidarität, das sich auf bestimmte Gruppen oder Aktionen beschränkt: Mitarbeit für Greenpeace oder Amnesty International, breite Beteiligung an lichterketten usw. Aber wie ist gerade dies zu vertiefen und festzuhalten? Das Wachsen der Solidarität sollte nicht Zufällen überlassen werden, nötig sei, so Anton Pelinka, vielmehr eine politische Strategie. Nicht minder gefordert und zu fördern sei private Initiative, um Solidarität als kulturpolitisches Projekt unter Beteiligung der Schulen, Gewerkschaften und anderen Einrichtungen wachsen zu lassen. Gemeinschaft hemmenden bzw. vernichtenden Phänomenen wie (Existenz- und Arbeitsplatz-Ängsten, Ich-Verlust und Lieblosigkeit gelte es entgegenzuwirken, wo immer sie aufscheinen. S. Sch.

Solidarität. Option für die Modernisierungsverlierer. Hrsg. v. Paul Zulehner …Innsbruck: Tyrolia-Verl. 1996. 220 S., DM 3’6,80/ sFr 35,- / öS 268

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