Selbstoptimierung

„Selbstoptimierung“ lautet das neue Zauberwort, das in den rauer werdenden Zeiten angesichts von Wirtschaftskrise und Anforderungssteigerungen Abhilfe verschaffen soll. Der Persönlichkeitsbildungsmarkt boomt seit einigen Jahren: er verspricht beruflichen Erfolg und persönliches Glück zugleich. Doch der Wunsch nach Selbstverwirklichung und der Zwang zur Selbstoptimierung liegen oft nah bei einander, die Grenzen zwischen legitimer Selbstsorge und aufoktroyierter Selbstinszenierung verschwinden. Michael Girkinger hat die Akteure dieses neuen Marktsegments und deren Angebote, ihre Versprechen und Inszenierungsweisen untersucht. Zunächst gibt der Autor einen Überblick über die seriöse Glücksforschung einschließlich der Bedingungen, die zu Sinnerfüllung und Lebenszufriedenheit führen, und grenzt diese ab von den Glücks- und Erfolgsversprechen des seit den 1990er-Jahren an Bedeutung gewinnenden Persönlichkeitsbildungsmarktes. Er analysiert die Angebotsseite, also die TrainerInnen und deren Glücks-Marketing. Große Verheißungen mit viel Verpackung und wenig Inhalt konstatiert Girkinger, der für seine Studien nicht nur einschlägige Literatur untersucht, sondern auch einige der angepriesenen Seminare „absolviert“ hat. Nicht weniger aufschlussreich sind freilich die Analysen zur Nachfrageseite. Der Autor beschreibt die gesellschaftlichen Veränderungen, die dem Selbstbildungsmarkt den fruchtbaren Boden bereiteten, etwa der zunehmende Hang zum Individualismus, die Ausbreitung des therapeutischen Diskurses auch auf die Arbeitswelt („Ein Coach für alle Fälle“), die Etablierung neuer Leitbilder wie jenes des „modernen Lebenskünstlers“ („Mach dein Ding“), die Ausbreitung neuer Zeit- und Selbstmanagementtechniken in der Beschleunigungsgesellschaft oder die Propagierung des „Selbstunternehmers“ in der neuen Arbeitswelt.

Girkinger zeigt auf, dass sich auch die beruflichen Fortbildungsprogramme einschlägiger Institute immer stärker diesem Trend der Selbstoptimierung geöffnet haben und entsprechende Kurse anbieten. Die Untersuchung endet mit Schlussfolgerungen für seriöse Weiterbildungsangebote, indem der Ideologiecharakter der Machtbarkeits-rhetorik sowie der Selbst-Managementdiskurse kritisch reflektiert wird. Die „Persönlichkeit als Rückzugsgebiet in politisch unsicheren Zeiten“ (S. 304) könne nicht die Antwort sein. Die Chancen von Selbstentwicklung und Individualisierung seien in diesem Sinne (wieder) zu verbinden mit gemeinschaftlichem und solidarischem Engagement – in der Arbeitswelt ebenso wie in der Gesellschaftswelt. Hans Holzinger

 

Girkinger, Michael: Einmal Glück und Erfolg, bitte! Über das Glück und seine Vermarktung in der Persönlichkeitsbildung. Eine Untersuchung zur Kultur der Selbstoptimierung. Marburg: Tectum, 2012. 365 S., € 29,90 [D], 30,80 [A], sFr 40,70; ISBN 978-3-8288-3032-5

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