Selbst denken

Der Soziologe Harald Welzer ist sicherlich nicht der erste und auch nicht der letzte, der „eine Anleitung zum Widerstand“ vorlegt. Der Gründer von „FUTURZWEI Stiftung Zukunftsfähigkeit“ ist aber zweifellos einer, der glaubhaft Gegengeschichten von einer offenen, lebenswerten Zukunft, Geschichten des Gelingens, erzählt. Völlig zu Recht postuliert er, dass wir „nach vierzig Jahren Ökobewegung und zwanzig Jahren Postdemokratie ganz sicher (keine) Appelle und Belehrungen“ mehr brauchen (S. 290) und dass etwas getan werden muss, um die bisherige Richtung zu ändern. Man muss, so Welzer, „die Frage nach einem Leben und Wirtschaften jenseits des Kapitalismus wieder aufwerfen, die zu stellen man sich abgewöhnt hatte, seit die kommunistischen Systeme mit Recht fast vollzählig untergegangen sind“ (S. 288). Es geht ihm auch darum, unseren Tunnelblick zu therapieren (vgl. S. 15) und er beschreibt „Exits aus dem Tunnel“, Notausgänge, Stellen, an denen man die vermeintlich feste Wirklichkeit perforieren kann. Heute gehe es nicht mehr um Korrekturen, sondern um eine Umkehr, ist Welzer überzeugt. Dafür allerdings reicht es nicht, sich mit einem grünen Etikett auf der Plastikverpackung zu begnügen. Im Grunde müssen wir ganz neue Wege des Benutzens, des Teilens, des Wollens und Genießens finden. Ganz ohne Appelle an Achtsamkeit, Freiheit und Glück anstelle von Wachstum und Konsumwahn geht es aber auch bei ihm nicht.

Wir wollen uns an dieser Stelle aber nicht lange bei der ohne Zweifel gescheiten und zutreffenden Analyse der Gegenwart aufhalten: bei der Kritik am allumfassenden Konsum bis hin zu den exponentiellen Steigerungen in vielen Bereichen unserer Lebenspraxis oder der Vorstellung, dass man Wirtschaftswachstum und Ressourcenverbrauch „ent- koppeln“ könne. Auch der Wunsch nach völliger Naturbeherrschung bleibt nach Ansicht Welzers ein unerfüllbarer Traum. Zudem sei die gegenwärtige Situation in Politik und Gesellschaft noch immer maßgeblich von den Zukunftswünschen der Nachkriegszeit geprägt, in der man davon ausging, dass Zukunft aus immer mehr Möglichkeiten bestehe. Deshalb leiden wir noch heute an der „Kultur des ALLES IMMER“.

 

Wege in eine lebbare Zukunft

Unser vorrangiges Augenmerk gilt den Ausführungen zur Gestaltung einer zukunftsfähigen Gesellschaft. Und ja, leider sind die hier vorgetragenen Ratschläge nicht nur zu konsumieren, denn jedem kommt bei deren Umsetzung eine wichtige Rolle zu. „Hören Sie auf, einverstanden zu sein“, lautet eine von 12 Regeln für erfolgreichen Widerstand, die der Autor an das Ende des Bandes gestellt hat. Welzer zeigt, wie viele konkrete und attraktive Möglichkeiten es bereits jetzt gibt, zum politischen Handeln zurückzufinden und v. a. sich selbst wieder ernst zu nehmen. In zahlreichen „Gegengeschichten“ zeigt sich, wie vielstimmig und facettenreich diese sind. Welzer will damit nicht weniger bieten als „ein Mosaik aus unterschiedlichen, gescheiterten und erfolg-reichen Entwürfen eines guten Umgangs mit der Welt.“ (S. 254). Und er erzählt von Varianten des richtigeren Lebens im falschen: von den Yes-Men, Christian Felbers Gemeinwohlökonomie oder die GLS-Bank. Sie alle haben etwas gemeinsam: „Sie verändern einen zum Teil winzigen Aspekt des gewöhnlichen Umgangs mit den Menschen und den Dingen.“ (S. 283)

 

Resilienzgemeinschaften

Dem Autor ist klar, dass der Widerstand Gemeinschaften braucht, so genannte „Wir-Gruppen“, in denen spezifische Selbstbilder etabliert werden, die wiederum Handlungsbereitschaft, Mut, Selbstvertrauen und Phantasie freisetzen. Solche Gruppen nennt er „Resilienzgemeinschaften“. Die Rede ist auch von  moralischer Ökonomie, der es um „Gerechtigkeitsstandards innerhalb sozialer Beziehungen geht“, von moralischer Phantasie, „um sich Rechenschaft über die eigene Verantwortlichkeit im Rahmen der langen arbeitsteiligen Handlungsketten ablegen zu können, in die man in moderne Gesellschaften eingebunden ist“. „Beide zusammen bilden moralische Intelligenz, Urteilskraft darüber, was hinnehmbar ist und was des Widerstands bedarf.“ (S. 291).

Auch wenn die meisten Rezensenten, von der Neuen Zürcher Zeitung (22.05.2013) über Die Zeit (14.03.2013) bis hin zur FAZ (09.03.2013) die von Welzer entwickelten Therapievorschläge als „holprig“, „nicht zu Ende gedacht“ oder gar „enttäuschend“ bewerten, sind m. E. für derart komplexe Krisensymptome gar keine fertigen Rundumlösungen bzw. einfache Therapievorschläge zu erwarten. Der Glaube daran wäre naiv. Das entspräche lediglich den Erwartungen an den Arzt, eine ernsthafte Erkrankung mit nur einer Pille heilen zu können. Vielmehr ist es der Blick auf die vielen kleinen Gegenentwürfe, Utopien, Handlungsspielräume und Möglichkeiten, die wir trotz allem haben. Gerade das macht die hier vorgetragenen Überlegungen wertvoll. A. A.

 

 Welzer, Harald: Selbst denken. Eine Anleitung zum Widerstand. Frankfurt/M.: S. Fischer, 2013. 328 S., € 19,99 [D], 20,60 [A], sFr 28,-

ISBN 978-3-10-089435-9

 

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