sektor 3/kultur

Dieser Band dokumentiert eine von der IG Kultur Österreich initiierte Konferenz gleichnamigen Titels, die vom 31. März bis 2. April dieses Jahres in Wien mit dem Ziel stattfand, Positionen und Perspektiven „posteuphorischer Nachhaltigkeit“ in Anbetracht des (damals noch) breiten Widerstandes gegen die neue rechtskonservative Regierung auszuloten.

Inwieweit können Intellektuelle und Kulturschaffenden, so wurde gefragt, und ist auch heute zu fragen, mit ihren Interventionen konkrete Effekte erzielen? Ist die Kraft des 3. Sektors – jenes Konglomerat vielfältiger Interessen und Initiativen jenseits staatlicher Macht und neoliberaler Profitorientierung – zielführend zu bündeln und zu verstärken, um gegen Rassismus, soziale Ausgrenzung und kulturelle Ausdünnung erfolgreich Widerstand zu leisten? Die Antworten der 12 hier zu Wort kommenden AutorInnen fallen unterschiedlich aus.

Der mit einer Grußbotschaft vertretene Pierre Bordieu plädiert zum einen für ein „mediales Boykott der extremen Rechen“, und gibt – wider alle geschichtliche Erfahrung ‑ der Hoffnung Ausdruck, „dass dieses Österreich, das selbst aus dem Schlaf aufgeschreckt ist, ganz Europa aus dem Schlaf aufrütteln kann“. (S. 17). Gerald Raunig warnt in Anbetracht einer „neuen Welle der Inklusion und Exklusion durch den Staat“ und dessen Subventionspolitik vor einer „Kannibalisierung innerhalb der [Kultur]Szene und sieht Anzeichen dafür, dass der „Dritte Sektor“ im Schatten des großen Bruders ‚Zivilgesellschaft’ zum Kampfbegriff mutiert“. (S. 26).

Rolf Schwendter bleibt es vorbehalten, den sozialen bzw. historischen Kontext des „dritten Sektors“ auszuleuchten und zugleich vor allzu großen Hoffnungen in die Vernetzung der Akteure der Zivilgesellschaft zu warnen. Denn: Vor allem seien sie arm, und Geld sei zur Umsetzung ihrer Ziele unverzichtbar. Möglichkeiten der „Kulturarbeit als freie Opposition“ erörtert O. Marchart anhand fünf konkreter Vorschläge (Entwicklung von Kompetenz und Internnationalität, Gründung von Medien, Symbolische Verweigerung des Umgangs mit Macht, Rückeroberung von Begriffen). Vor der Vereinnahmung der Zivilgesellschaft zur Überwachung und Sicherstellung des politischen Status quo warnt Boris Buden. Mit der Rolle alternativer Medien, insbesondere der Freien Radios als Raum der Artikulation und Partizipation, beschäftigen sich F. Steinert und R. Zöchling. Der freien Theaterarbeit als „moralischer VerANSTALTung widmet sich J. Alton; der Kultur- und Medientheoretiker E. F. Rakuschan fordert dazu auf, „zivilgesellschaftliche Konstruktionen gesellschaftlichen Hegemonien entgegen und „Motivationen vor Interessen“ zu stellen. , und M.-L. Angerer schließlich beleuchtet „ideologische Aspekte der Cyber-Kultur“.

Der nicht nur aus der Perspektive nationaler Betroffenheit empfehlenswerte Band gewinnt durch einen Anhang mit Materialen zur Thematik – von der „Charta 2000“ über das Manifest der „European Forum for the Arts and Heritage“ bis hin einem Aufruf zur Sicherung Medienvielfalt ‑ zusätzlich an Gewicht. W. Sp.

sektor 3/kultur. Widerstand, Kulturarbeit, Zivilgesellschaft. Hrsg. v. Gerald Raunig. Wien IG Kultur Österreich, 2000. 185 S. ca. DM / sFr 26,- / öS 190,-

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