Schöne neue Welt der Arbeit. Vision: Weltbürgergesellschaft

Ehe die Vision, die der Münchner Soziologe Ulrich Beck in dem Titel seines neuesten Buchs anklingen läßt, verwirklicht wird, sind viel Hürden zu nehmen. Denn nichts weniger als den „Einbruch des Prekären, Diskontinuierlichen, Flockigen, Informellen in die westlichen Bastionen der Vollbeschäftigung“, die wir heute erleben, gilt es konstruktiv zu überwinden. Und – so das Anliegen Becks – durch einen grundlegend neuen Gesellschaftsentwurf zu ersetzen. Die herkömmlichen Modelle und das Verständnis von Arbeit als zentrales Element individuellen wie auch kollektiven Selbstverständnisses sind in Auflösung begriffen. Realität ist schon längst die „Brasilianisierung des Westens“, in der sozial ungesicherte, aber in der Ausgestaltung ihrer Lebensräume auch flexiblere „Arbeits-Nomaden“ und „Multi-Aktivisten“ die Regel, die Inhaber eines sicheren Dauerarbeitsplatzes hingegen die Ausnahme darstellen. War in Deutschland zu Beginn der 60er Jahre nur etwa 1/10 der Erwerbstätigen „prekär“ beschäftigt, so werden es in etwa 10 Jahren in Welteuropa bereits an die 50 Prozent sein, diagnostiziert Beck.

In der „Stärkung der politischen Gesellschaft der Individuen“ sieht der Autor die einzig sinnvolle Alternative zur Arbeitsgesellschaft. Die Belebung der kommunalen Demokratie ebenso wie die Knüpfung globaler informeller Netze – beides Facetten der „multiaktiven Gesellschaft“ – ist realisierbar, „wenn es gelingt, ein Recht auf diskontinuierliche Erwerbstätigkeit … und eine tariflich eingebettete neue Arbeitszeit-Souveränität“ (S. 13) zu entwickeln. Nicht die Muße- und Freizeitgesellschaft, sondern die politische Bürgergesellschaft, die „Do-it-yourself-Kultur“ als Ausdruck „organisierten schöpferischen Ungehorsams“ sowie der Selbstbestimmung und -verwirklichung in Form eines freiwilligen politischen und sozialen Engagements ist Kern der Beck’schen Essays, den er in die Kategorie des „Visionär-Nichtfiktiven“ einordnet.

In zwei Punkten freilich bleibt dieser sympathisch hoffnungsvolle Versuch über die „Andersarbeit“ noch vage: Zum einen vertraut Beck in hohem Maß auf das Gute im Menschen und die Bereitschaft zu Engagement im Dienste der Allgemeinheit; zum zweiten läßt er hinsichtlich der politischen Gestaltbarkeit und Detailregelung seines Modells – das „Bürgergeld für alle“ vorsieht – noch vieles offen.

Nichtsdestotrotz ist dieses Buch ein wichtiger Beitrag zur Überwindung überholter (arbeitsmarkt)politischer Rezepturen. Die den Band beschließenden vier Beiträge über Perspektiven der Arbeit in den USA, Afrika und Asien (unter besonderer Berücksichtigung muslimischer Impulse) sind als ergänzende Aspekte einer in schwachen Konturen erst sichtbaren „Weltbürgergesellschaft“ zu lesen – zu der es anderseits wohl keine vernünftige Alternative gibt.

W.Sp.

Beck, Ulrich: Schöne neue Arbeitswelt. Vision: Weltbürgergesellschaft. Frankfurt/M. (u. a.): Campus, 1999. 255 S., DM 36,- / sFr 35,- / öS 263,-

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