Rückkehr nach Reims

Didier Eribon über die Wut der “Abgehängten”

Eribon-Rückkehr-nach-ReimsDer französische Schriftsteller Didier Eribon beschreibt in seinem autobiografischen Essay „Rückkehr nach Reims“ seinen Versuch, die populistische Wut der „Abgehängten“ zu verstehen. Er kehrt in die Stadt seiner Kindheit, nach Reims, zurück und trifft dort seine Eltern wieder. Eribon ist Soziologe, lebt in Paris, ist homosexuell. Seine Eltern gehören zur Arbeiterschaft. Diesem Milieu hatte er den Rücken gekehrt. In seinem Buch reflektiert Eribon darüber, wie er seine soziale Herkunft zurückgelassen hat. Jetzt, wo er wieder mit ihr konfrontiert wird, beobachtet er Veränderungen, die ihn beunruhigen. Die Eltern, die einst loyale Wähler der Kommunisten waren, sympathisieren nun mit der radikalen Rechten. Eribon versucht nachzuzeichnen, wie die Arbeiterschaft in den vergangenen vierzig Jahren das Lager wechselte – oder: Wie es von der politischen Linken verlassen wurde. Er spricht dabei die enttäuschten Hoffnungen der Linksregierung von 1981 an, als Kommunisten und Sozialisten gemeinsam regierten, ohne der Wirtschaftskrise Herr zu werden. Er erzählt, wie das Scheitern dem Denken „Alle Politiker sind doch gleich“ den Boden bereitete. Er spürt nach, wie die Linke immer moderater wurde, das Vokabular der Unterdrückung durch Begriffe wie „Gesellschaftsvertrag“ und „Modernisierung“ ersetzte. Eribon sieht in den Stimmen für die Front National eine negative Selbstaffirmation: Ausdruck der Abgrenzung gegen „die da oben“. „Die gewichtigste Folge des Verschwindens der Arbeiterklasse und der Arbeiter, ja des Klassenbegriffs überhaupt aus dem politischen Diskurs, war die Aufkündigung der alten Allianz zwischen Arbeitern und anderen gesellschaftlichen Gruppen (Beamte, Angehörige des öffentlichen Dienstes, Lehrer,…) innerhalb des linken Lagers, die den Weg freimachte für einen neuen, größtenteils rechts verankerten oder sogar rechtsextremen ‘historischen Block’ (Gramsci), der heute große Teile der prekarisierten und verwundbaren Unterschicht mit Leuten aus Handelsberufen, mit wohlhabenden in Südfrankreich lebenden Rentnern, ja sogar mit faschistischen Ex-Militärs und traditionalistischen Katholiken verbindet.“ (S. 127f.)

Von Alfred Auer

 

Eribon, Didier: Rückkehr nach Reims. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2016. 240 S., € 18,- [D], 18,50 [A]

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