Robert Jungk: Wird die Zukunft weiblich?

1987_4-Robert-Jungk-EditorialEditorial aus der proZukunft-Ausgabe 1987/4:

»The Chalice and the Blade« (Der Kelch und das Schwert) ist eines der in den USA meistdiskutierten Bücher des Jahres. Es soll 1988 im C. Bertelsmann-Verlag auch auf Deutsch erscheinen. Die Autorin Riane Eisler ist zwar Feministin, plädiert aber nicht für Vorherrschaft der Frauen, sondern für eine künftige Gleichberechtigung der Geschlechter, die im Paar ihren schöpferischen Ausdruck findet. Zurzeit, so meint sie, erleben wir das krisenhafte Ende einer langen durch »andocracy« (Männermacht) bestimmten Epoche. Sie manifestiere sich am deutlichsten im »Schwert« der Technik, das sich die überwiegend weiblich geprägte lebensspendende Erde unterwerfe. »Fortgeschrittene Technologie ist die Hauptbedrohung unseres Überlebens«, schreibt sie, »aber diese Bedrohung schafft auch einen gesteigerten Impetus für eine grundlegende Wandlung.« Wer eine solche pessimistische Bewertung des technischen Fortschritts für übertrieben hält, sei auf die soeben auf Deutsch erschienene Analyse der »unvermeidbaren Risiken der Großtechnik« des an der Universität Yale lehrenden Charles Perrow hingewiesen sowie auf den ausführlichen brillant geschriebenen Essay des Bielefelder Soziologen Bernd Guggenberger. Dessen Titel »Das Menschenrecht auf Irrtum« beschreibt eine historisch erstmalige Situation: die Außerkraftsetzung des bisher für den Fortschritt geltenden Prinzips von Versuch und Irrtum durch eine übermächtige, keine Fehler verzeihende neue Technik, die nie wiedergutzumachende Schäden – sei es absichtlich oder unabsichtlich – bewirken kann. Doch – so der Autor – »die Maschine ist ein streblicher Gott, der von Gnaden des menschlichen Geistes existiert». Könnte es sein, dass eine überwiegend von weiblichem Einfluss geprägte Periode – ähnlich der Hochzeit der keltischen Kultur oder dem elisabethianischen Zeitalter – nicht nur eine sanfte Technik, sondern darüber hinaus eine friedliche und schöpferische Zukunft verheißt? Riane Eisler, Hazel Henderson, Margarete Mitscherlich und andere hervorragende Denkerinnen unserer Tage entwerfen übereinstimmend diese hoffnungsvolle Perspektive.

Von Robert Jungk

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