Reich und Arm

stiglitzNach „Der Preis der Ungleichheit“ (2012) legt der streitbare US-Ökonom Joseph Stiglitz in „Reich und Arm“ nun eine Sammlung von Beiträgen vor, die in unterschiedlichen Journalen erschienen sind. Grundtenor: Die Art wie den Banken (in den USA) unter die Arme gegriffen wurde, war ein Fehler und hat nur die alten Machtstrukturen zementiert. Um die schwächelnde Wirtschaft anzukurbeln, wäre es bedeutend klüger gewesen, Sozialprogramme aufzulegen bzw. jenen zu helfen, die im Zuge der Krise ihre Häuser und Wohnungen verloren haben. Auflagen, die der IWF, die Weltbank oder die US-Regierung anderen Staaten für Kredite machen, seien, so Stiglitz, den US-Banken nicht gemacht,  strengere Regulierungsvorschriften etwa für den Derivate-Handel vom Kongress wieder aufgehoben worden. Das Bankensystem sei zwar gerettet worden, die Wirtschaft lahme aber weiter, was zu Folgeproblemen wie steigender Arbeitslosigkeit führe.

Stiglitz beginnt seine Analysen bei der Misswirtschaft von Präsident Bush, der enorme Summen in militärische Abenteuer (Irak, Afghanistan) gesteckt hatte, über die Rettung der Banken durch die Obama-Administration bis hin zu internationalen Handelsregeln, die Entwicklungsländer permanent benachteiligen. Abgedruckt ist auch der bei „Vanity Fair“ 2015 erschienene Beitrag „Des 1 Prozents, durch das 1 Prozent und für das 1 Prozent“, welcher das Motto der Occupy Wallstreet-Bewegung aufgreift. Das obere 1 Prozent der Amerikaner schöpft fast ein Viertel des Nationaleinkommens ab, und außerdem entfallen 40 Prozent des nationalen Privatvermögens auf sie. „Sie stehen heute prächtig da. Vor 25 Jahren lauteten die entsprechenden Zahlen 12 Prozent und 33 Prozent“, so der Ökonom (S. 120). Das oberste 1 Prozent habe die besten Häuser, die beste Ausbildung, die besten Ärzte und die besten Lebensstile, aber es gäbe eine Sache, die sich nicht kaufen lasse, die Erkenntnis, „dass ihr Schicksal eng mit den Lebensbedingungen der übrigen 99 Prozent verwoben ist“ (S. 127).

Stiglitz ist Patriot, und er beklagt, dass die USA längst nicht mehr das Land der unbegrenzten Möglichkeiten sei. Nicht mehr Leistung, sondern ein finanzoligarchisches System bestimme die Geschicke. Der Ökonom nennt dies „Rent-Seeking“, also eine Art Rentenkapitalismus bzw. „Sozialismus für die Reichen“ (so ein Beitragstitel). Unternehmen wie Apple, die aufgrund staatlich geförderter Grundlagenforschung groß geworden seien, bedankten sich dafür mit Steuerumgehung.

Ein wichtiges Buch, das mit Argumenten gegen die schreienden Ungleichheiten in der amerikanischen Gesellschaft sowie in der Welt ankämpft. Dass Stiglitz seine Grundaussagen dabei mehrfach wiederholt, ist dem Charakter des Buches als Aufsatzsammlung geschuldet, was der Lektüre aber keinen Abbruch tut. Hans Holzinger

Stiglitz, Joseph: Reich und Arm. Die wachsende Ungleichheit in unserer Gesellschaft. München: Siedler, 2015. 512 S., € 24,99 [D], 25,70 [A]  ISBN 978-3-8275-0068-7

 

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