Räume, Orte, Grenzen

Im Zeitalter der Globalisierung war bzw. ist viel von der Entwertung des Raumes/Ortes die Rede. Gleichzeitig ist offensichtlich, dass räumliche Bezüge nicht gänzlich obsolet werden. Räume prägen unser Verhalten und helfen uns zu entscheiden, in welcher Situation wir uns befinden. Menschliches Verhalten in physikalischen Raumstrukturen determiniert sich durch die Bedeutung und Wertigkeit, die Menschen bestimmten Strukturen und Orten geben. Dies nicht immer aufs Neue, denn bestimmten Orten und Räumen (z. B. Kirchen, Moscheen) werden vordefinierte Bedeutungen und Wertigkeiten zugeschrieben.

Ausgangspunkt dieser Studie ist, dass wir es mit verschiedenen Räumen (Raumbildern, Raumauffassungen) und damit auch Raumkonzepten zu tun haben, die einander nicht ablösen, sondern nebeneinander existieren. „Wie uns räumliche Strukturen ein bestimmtes Verhalten nahe legen, zeigt auch, dass man sich etwa in einer Einkaufsstraße nicht einfach in Kreis- oder Zickzackbewegungen fortbewegen kann.“ (S. 176) Einer der zentralen Befunde ist, dass die ehemals kulturell deutlich definierten Grenzen von innen und außen, eigen und fremd, privat und öffentlich zunehmend ihr Exaktheit und Klarheit verlieren. „Und gerade diese Unklarheit provoziert Anstrengungen, wieder zu klaren Grenzziehungen zu kommen.“ (S. 180) Im Kontext der Globalisierungsthematik gibt es deutliche Hinweise dafür, „dass Räume eine Art von ontologischer Sicherheit zu verbürgen scheinen“ (ebd.). Sie versprechen Übersicht in einer unübersichtlichen Welt, reduzieren somit Komplexität.

In exemplarischen Analysen geht Markus Schroer etwa dem Verhältnis von Raum und Politik, urbanen und virtuellen Räumen (das Internet als Raum, der durch die Aktivitäten der Netz-User permanent wächst und sich ausdehnt) ebenso nach wie dem Thema Raum und Körper.

Deutlich wird, was wir ohnehin schon wussten, nämlich dass Aussagen vom Ende des Raums entschieden zu kurz greifen. Ausgeblendet wird dabei, dass, wo immer eine Grenze fällt, an anderer Stelle eine neue errichtet wird. In diesem Sinne ändern Grenzen nur ihren Ort oder ihre Gestalt. Zu sprechen ist daher von einem Mehrebenencharakter, der Pluralität räumlicher Bezüge. Heute, so der Verfasser, haben wir es mit einem Nebeneinander der verschiedenen Kulturen, Regime, Lebensstile, Werte, Moden usw. zu tun, „die nicht in einem Behälter namens Nation, Staat oder Weltgesellschaft enthalten sind, sondern selbst Räume hervorbringen – vielfältig miteinander verflochtene, sich überlagernde Räume unterschiedlicher Reichweite und Ausdehnung, die durch keine vereinheitlichende Klammer mehr zusammen-

gehalten werden, sondern nebeneinander existieren“. (S. 226)

Der Autor kommt somit zusammenfassend zu dem Befund, dass bei aller Abstraktheit der gesellschaftlichen Entwicklungen Menschen nicht nur an Raum und Körper gebunden bleiben, sondern immer stärker auch auf sich selbst zurückgeworfen werden. Positiv gewendet würde das der Forderung nach einer „Renaissance der Orte“ (H. Holzinger in „Kunst der Nachhaltigkeit“, Nr. 68) durch die „Rückholung individueller und kollektiver, ökonomischer und politischer Gestaltungsräume“ entsprechen. A. A.

Schroer, Markus: Räume, Orte, Grenzen. Auf dem Weg zu einer Soziologie des Raumes. Frankfurt/M.: Suhrkamp, 2006. S. 334 (stw; 1761) € 12,- [D], 12,40 [A], sFr 22,10

ISBN 3-518-29361-3

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