Politische Ökonomie der Kulturförderung

Ökonomische Analysen des Kunst- und Kultursektors finden zunehmendes Interesse. Die volkswirtschaftliche Bedeutung dieses Bereiches wird untersucht, die kulturelle Versorgung einer Stadt als Standort- und Imagefaktor erkannt und ihr Wachstumspotenzial im multimedialen Zeitalter hervorgehoben. Kunst- und Kulturökonomie wurde zu einer eigenen Unterdisziplin der Volkswirtschaftslehre. Von den Betroffenen (Künstler, Kulturschaffende, KulturpolitikerInnen) wird dieses Unterfangen mitunter skeptisch beurteilt und als „illegitime Einmischung“ oder „Ökonomisierung der Kunst“ kritisiert. Ein Fehler, so die Meinung von Nicola Ebker, da Kunst und Kultur einen immer wichtiger werdenden Wirtschaftsbereich darstellten, die Ablehnung einer ökonomischen Legitimation der Kunst- und Kulturförderung in Zeiten knapper öffentlicher Gelder aber „existentielle Gefahren“ berge. „Zweckfreie Legitimation – in Zeiten der Rezession bedeutet dies, in Schönheit zu sterben“, zitiert die Autorin einen Kulturjournalisten der „Zeit“ (S. 14).

Ebker geht in ihrer Abhandlung, die zugleich ihre Dissertation darstellt, von der These aus, dass die historisch gewachsene, starke Rolle des Staates als Förderer und Träger von Kunst- und Kulturinstitutionen in der BRD (und darüber hinaus) eine Ende finden, jedoch nicht der Markt das Erbe antreten wird, sondern dass die Institutionen des dritten Sektors verstärkt kulturpolitische Aufgaben übernehmen werden. Diese könnten sich allein durch Marktpreise zwar nicht finanzieren, und seien daher auf private Spenden wie öffentliche Subventionierung angewiesen, würden aber meist – so die Autorin – geringere Transmissionskosten als staatliche Institutionen (Theater, Museen usw.) aufweisen.

Die Kulturökonomin bewertet aber auch unterschiedliche Ansätze, Kulturförderung und -leistungen mittels Indikatoren und Produktdefinitionen transparenter zu machen. (Als interessante Beispiele dienen ihr dabei die Umstrukturierungen der Kulturverwaltung in den Städten Nürnberg, Dortmund und Wuppertal). Sie reflektiert Studien über Beschäftigungs- und Wirtschaftseffekte (Umwegrentabilität) von Kulturereignissen wie Festivals oder Ausstellungen. Und sie referiert nicht zuletzt unterschiedliche Legitimationsansätze der Kulturförderung vom „Erziehungs- und Bildungsauftrag“ über den „positiven Nutzen für zukünftige Generationen“ bis hin zu Prestige- und Werbeeffekten. Hinsichtlich der Verteilung der Kulturförderung verweist sie auf einen Ansatz, der u.a. aus Gerechtigkeitsgründen (alle zahlen Steuern, nur wenige nutzen Kulturangebote) den Zugang breiterer Bevölkerungsschichten zur Kunst in den Mittelpunkt stellt. H. H.

Ebker, Nikola:  Politische Ökonomie der Kulturförderung. Entwicklungen zwischen Staat, Wirtschaft und 3. Sektor. Bonn: ARCult-Media, 2000. 323 S., DM 39,- / sFr 36,- / öS 285,-

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