Politik der Götter

Sobald sich Götter in die Politik einmischen, besteht Anlass zur Sorge, meint Gret Haller, Publizistin, ehemalige Schweizer Politikerin und Ombudsfrau für Menschenrechte in Bosnien & Herzegowina (1996 – 2000). Im Unterschied zu vergleichbaren Analysen ist dabei nicht so sehr der islamische Fundamentalismus gemeint, sondern der US-amerikanische. Gleichwohl sind beide Strömungen für Europa brisant.

 

„Durch Dämonisierung ist auch Fundamentalismus nicht zu entzaubern – im Gegenteil, sie verstärkt jede Art von Fundamentalismus, denn dieser beruht gerade auf Dämonisierung all dessen, was sich ihm nicht unterordnet.“ S. 7)

 

Zunächst geht die Autorin der Frage nach, welche Rolle die „Götter“ in der Politik spielen und untersucht Unterschiede im Grad der Säkularisierung zwischen Europa und den Vereinigten Staaten. In der US-amerikanischen Gesellschaft spielten, so ihr Befund, Religionen eine entscheidende Rolle, wobei das Verhältnis zwischen Religion und Staat anders verstanden wird als in Europa. Seit der Präsidentschaft von George W. Bush zeige sich auch deutlicher als früher, wie brüchig der vermeintlich gemeinsame Wertekanon des Westens ist.

In weiterer Folge arbeitet Haller Parallelen zwischen islamistischem und christlichem Fundamentalismus heraus, die beide Recht durch Moral ersetzten und das Gleichheitsprinzip unterminieren. Das europäische Selbstverständnis ist herausgefordert: Das Prinzip der Gleichheit wird durch die Vorstellung von Auserwähltheit in Frage gestellt, Recht durch Moral ersetzt und die universelle Geltung der Menschenrechte durch die Einteilung der Menschen in „gute“ und „böse“ außer Kraft gesetzt. Diese Kennzeichen prägen nicht nur den Islamismus, sondern auch das Selbstverständnis der USA.

Die Autorin zeigt anschließend Möglichkeiten auf, fundamentalistischen Tendenzen zu widerstehen. Sie plädiert dafür, allein die Achtung der Menschenwürde, Rechtsstaatlichkeit und die Stärkung des Völkerrechts als Maßstab für verantwortliches Handeln gelten zu lassen. Das Prinzip der Gleichheit der Individuen und der Staaten statt religiöser und nationaler Auserwähltheit stünde der Vorstellung von guten und bösen Nationen entgegen und könne das Eskalieren von innergesellschaftlichen und außenpolitischen Konflikten verhindern.

Ein gelungener Beitrag, der die Sinne für transatlantische Reibungsflächen zu schärfen hilft und zeigt, dass es für Europa keine Alternative zur Trennung von Religion und Politik gibt. A. A.

Haller, Gret: Politik der Götter. Europa und der neue Fundamentalismus. Berlin: Aufbau-Verl., 2005. 224 S., € 18,90 [D],19,50 [A], sFr 34,30

ISBN 3-351-02608-0

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