Pluralismus statt Konsens

Sind die Konflikte in den modernen freien Demokratien durch rationalen Diskurs auflösbar? Ist es wünschbar, dass in Diskussionen ein umfassender Konsens entsteht? Chantal Mouffe antwortet zweimal „Nein“.

Chantal Mouffe hat sich über Jahre hinweg mit Fragen der Demokratie auseinandergesetzt. Sie wurde zu einer der einflussreichsten Analytikerinnen. Sie legt nun mit „Agonistik: Die Welt politisch denken“ ein Buch vor, in dem sie eine Übersicht über den aktuellen Stand ihrer Überlegungen gibt.

Mouffe lehnt die beiden dominierenden Ansätze des Demokratieverständnisses ab. Das deliberative Modell geht davon aus, dass sich in einer freien Gesellschaft anhand von moralischen Überlegungen und vernünftiger Argumentation politische Ergebnisse erzielen lassen. Das zweite Modell, sie nennt es das “aggressive Modell“, redet von Politik als dem Durchsetzen von Interessen.

„Agonistisches Modell“ der Politik

Stattdessen spricht Mouffe von einem „agonistischen Modell“ der Politik. Für die Autorin ist es nicht denkbar, einen Konsens in der Gesellschaft herzustellen. Konsens bedeute die Konstitution eines „Wir“, das aber ohne ein „Ihr“ nicht möglich sei. Stattdessen sollen Konflikte gerade nicht eliminiert werden, da sie die Grundlage des Pluralismus sind. Konflikte gelte es aber nicht als Auseinandersetzung zwischen Feinden (Antagonismus), sondern als Auseinandersetzung unter Kontrahenten (Agonismus) zu führen.

Kontrahenten wollen ihre Ideen durchsetzen, sie hegemonial werden lassen, stellen aber nicht das Recht der anderen infrage, für dessen Vorschläge zu werben. Dieser agonistische Wettstreit sei die Grundbedingung einer lebendigen Demokratie. (S. 28ff.) Dieser Konkurrenzkampf bedarf der Akzeptanz von demokratischen Spielregeln.

Ihr Ansatz ist, dass die „Leidenschaften“ als treibende Kraft auf dem Feld der Politik zur Kenntnis genommen werden müssen. Es gelte nicht, diese Leidenschaft zu eliminieren, sie sollen fruchtbar gemacht werden für kollektive Identifikationsmöglichkeiten und demokratische Ziele.

Zur aktuellen Politik bezieht sich Mouffe auf das Vokabular des italienischen Marxisten Antonio Gramsci. Dieser unterscheidet in der politischen Auseinandersetzung zwischen Bewegungskrieg (Revolution) und Stellungskrieg (dem Ringen um Meinungsführerschaft). Mouffe plädiert heute für ein Streiten für das Wirksamwerden von Demokratie und Freiheit in den entwickelten Staaten: „Deshalb sollte es in solchen Gesellschaften die Strategie der Linken sein, sich für die Stärkung dieser Prinzipien einzusetzen, und dies erfordert keinen radikalen Bruch, sondern das, was Gramsci ‘Stellungskrieg’ nennt, eine Auseinandersetzung also, die zur Erzeugung einer neuen Hegemonie führt.“ (S. 197)  Stefan Wally

 Mouffe, Chantal: Agonistik. Die Welt politisch denken. Berlin: Suhrkamp, 2014. 214 S., € 16,- [D], 16,50 [A], sFr 23,10 ISBN 978-3-518-12677-6

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